Kultur : Brandenburgische Sommerkonzerte: Die Stille lebt

Sybill Mahlke

Schweigen in der Uckermarck. Man stelle sich Gramzow vor, 17 Kilometer südöstlich von Prenzlau, 1400 Einwohner, 1168 erstmals urkundlich erwähnt. Ein Ort, der seinen Mittagsschlaf hält, wenn die "Klassiker auf Landpartie" anreisen. Aber der Ruf der Brandenburgischen Sommerkonzerte ist mittlerweile von so hallender Art, dass sich die langgestreckte Stadtkirche mit erwartungsvollem Publikum füllt. Am Rückpositiv der Schuke-Orgel (1938) zeigt sich Kulturgeschichte: zwei dominierende Porträts der Kinder des damaligen Pfarrers Brandt. Dessen heutiger Amtsnachfolger verweist auf eine weit ältere Tradition der Tonkunst in Gramzow: 1399 habe der Papst im Prämontratenserkloster die Errichtung eines Konservatoriums zur Förderung der Reinheit der Musik initiiert. Der Ruine, dem aufragenden Wahrzeichen, blicken wir bei der Rückreise in die Hauptstadt lange nach.

Ein musischer Flecken also. Und doch eine ungewöhnliche Premiere: Werke von Peter Ruzicka und ein Auftritt Dietrich Fischer-Dieskaus. Im Mittelpunkt steht Ruzickas "... sich verlierend" für Streichquartett und Sprechstimme. Musikalische Zerfallsprozesse und komponiertes Schweigen werden von literarischen Modellen aus Peter Handkes "Versuch über die Müdigkeit" oder Hugo von Hofmannsthals "Brief des Lord Chandos" kommentiert, der berühmten Dichtungsreflexion. Der spätere Verfasser des "Rosenkavalier" ist an dieser Sinnkrise nicht "gestorben", aber seine Depression als junger Dichter reflektiert ein Motiv der Partitur, welches Fragmentieren, Verstummen heißt. "Völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen", hat der vormals rattenfängerische Bariton zu interpretieren, und in der Tat dominiert seine Persönlichkeit auch in diesem Text: "Es zerfiel mir alles in Teile." Wenn dann das Wort "Leere" mit einem neuen Stimmklang und einer staunenden Magie belegt wird, ist der Winterreisende, der ganze Fischer-Dieskau präsent. Das Quartett des Ensembles QuattroPlus - Dagmar Schwalke, Rainer Fournes, Birgit Mulch-Gahl, Andreas Lichtschlag -, das den Abend mit einer anregenden Schumann-Wiedergabe (F-Dur aus Opus 41) beschließt, steht mit aller Intensität dafür ein, dass die Stille lebt. Gleiches gilt für Ruzickas "Tombeau" für Flöten und Streichquartett mit der Uraufführungssolistin Kornelia Brandkamp. Werner Martins brandenburgische Konzertreihe indes macht mit den heiklen Stücken einen guten Schritt nach vorn, mitten in die zeitgenössische Musik, die nun so freundschaftlich ins Umland getragen wird.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben