Brandenburgische Sommerkonzerte : Klangraub

Das Ensemble NeoBarock führt bei den Brandenburgischen Sommerkonzerten in Lehnin Stücke von Händel, Bach und Vivaldi auf.

Unterhaltsamkeit und Tiefgang. Das NeoBarock Ensemble erneuert Barockmusik mit interpretatorischer Wahrhaftigkeit.
Unterhaltsamkeit und Tiefgang. Das NeoBarock Ensemble erneuert Barockmusik mit interpretatorischer Wahrhaftigkeit.Foto: Karin Engels

Dauerregen, Stau auf der Autobahn, zu lange Warteschlangen beim Kaffee – viel kann schiefgehen bei den Brandenburgischen Sommerkonzerten. Doch meistens gibt es dafür so reichlich Trost und Entschädigung, dass das stets zahlreich strömende Publikum zufrieden den Heimweg antritt. Begeistert zeigt es sich auch bei der „Schatzkammermusik des Barock“ im Kloster Lehnin. Dass es schon auf der Suche nach zwei nebeneinanderliegenden Plätzen im Bus einen Anranzer gibt – vergessen, die freundliche Hostess findet eine Lösung. Geschenkt, dass die Klosterführungen schnell ausverkauft sind und die zum Ersatz gewählte Bootsfahrt zum Skulpturenpark zwar nicht ins Wasser, aber wohl dem Vergessen der Bootsbetreiber anheimfällt. Das Geld erhält zurück, wen eine Busfahrt dorthin nicht mehr verlocken kann.

Das Kloster Lehnin.
Das Kloster Lehnin.Foto: Peter Doerrie

Umso freudigere Erwartungen richten sich aufs Konzert des Ensembles NeoBarock in der Klosterkirche St. Marien. Wird doch das Quartett aus zwei Violinen – wahlweise Viola –, Cembalo und Violoncello in den höchsten Tönen der Erneuerung der Barockmusik auf solidester Forschungsbasis gerühmt, der interpretatorischen Wahrhaftigkeit und „expressiven Leidenschaft“. Ein Unterhaltsamkeit und Tiefgang mischendes Programm erzählt von der musikalischen Entwicklung im geschäftstüchtigen, Kompositionen vielfach verwertenden England des Georg Friedrich Händel oder im melodienseligen Italien hin zur überzeitlich wirkenden Kunst des Johann Sebastian Bach.

Doch wenig ist davon zu hören, zumindest in Reihe 17 des sich auf gewiss hundert Meter erstreckenden Schlauchs der Marienkirche. Für Kammermusik, zumal auf den sensiblen Darmsaiten gespielte, ist dieser Raum überhaupt nicht geeignet, höchstens zur Abfertigung klatschwilliger Publikumsmassen. So seiner Augen und Ohren beraubt kann der Hörer nur einen Klangbrei über sich ergehen lassen. Gerade Bachs d-Moll-Sonate für zwei Violinen und Basso Continuo, eine Rekonstruktion der Urfassung des Doppelkonzerts von NeoBarock-Geiger Volker Möller, muss ihre polyfonen Abläufe dieser Akustik opfern. Tänzerisch durchsetzungsfähiger ist eine „Tafelmusik“ von Georg Friedrich Telemann; Heinrich Ignaz Bibers „Partia VI“ erscheint als fantasiearme Abfolge weniger Harmonien, aus denen die höheren Frequenzen als scharfe Akzente hervorstechen. Bleibt Antonio Vivaldis „La Follia“, ein unverwüstlicher, auch diesmal virtuose Funken sprühender und erstaunlich differenziert wirkender Barockschlager.

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