Brandt Brauer Frick live in Berlin : Abheben und ins Jenseits winken

Brandt Brauer Frick knüpften in der frisch restaurierten Kuppelhalle des ehemaligen Krematoriums Wedding feine Verbindungen zwischen Pop, Klassik und Club.

Volker Lüke
Brandt Brauer Frick bearbeiten ein Klavier.
Brandt Brauer Frick bearbeiten ein Klavier.Foto: Nico Stinghe & Park Bennett

Schon an sich ein Erlebnis: Wenn man sich dem ehemaligem Krematorium Wedding nähert, diesem prachtvollen Kuppelbau, der am Eingangsportal von steinernen Löwen bewacht wird. Seit zwei Jahren wird das denkmalgeschützte Gebäude zum Silent Green Kulturquartier umgebaut, das schon bald mit allerlei Veranstaltungen bespielt werden soll. Außerdem wird hier die umfangreiche Filmsammlung des Arsenal-Kinos beheimatet sein, neben diversen Firmen, die sich bereits angesiedelt haben, darunter auch das !K7-Musiklabel, das gleich das Brandt-Brauer-Frick-Ensemble hierhergeführt hat, das an zwei Tagen hintereinander in der frisch restaurierten Kuppelhalle ein Live-Album einspielt.

Dabei ist die ehemalige Trauerhalle mit dem 17 Meter hohen Mansardendach und den eingelassenen Kolumbarien mit Wandnischen für 400 Urnen kein einfacher Ort für musikalische Darbietungen. Aber die Veranstalter haben die Raumakustik gut abgestimmt. Trotzdem klingt es noch immer ein wenig verhallt, ein Effekt, der den sakralen Charakter des Gebäudes unterstreicht und eine feierliche Atmosphäre verströmt, die gut zu dieser "Emotional Body Music" passt, die Querverbindungen zwischen Klassik, Jazz und gegenwärtiger Clubmusik herstellt, die weitaus brauchbarer sind, als die meisten Fusionen, die einem sonst zwischen Berghain und Philharmonie untergejubelt werden.

Das Trio hat sich Sängerverstärkung dazugeholt

Nachdem das experimentierfreudige Trio nach vielen Umwegen zu einem zehnköpfigen Ensemble angewachsen ist, das seine energetischen Schüttel-Grooves auch auf die Bühnen der großen Konzerthäuser bringt, begannen die Musiker zuletzt verstärkt mit Gesang zu arbeiten und ihr Spektrum in eine neue, songorientiertere Richtung zu lenken, die hoffentlich auch nur wieder einen interessanten Umweg auf ihrer weiten Reise darstellt. Nach ihrer Zusammenarbeit mit dem WDR-Rundfunkchor vor einem Jahr haben sie das Line-Up diesmal mit dem kanadischen Sänger Beaver Sheppard und dem Vokalquartett The Free Electric Singers erweitert.

Herrliches Geklöppel zwischen Techno und Güterzug

Geige, Cello, Posaune, Tuba, Harfe, Flügel, Marimbaphon, Kesselpauke, Schlagzeug plus mehrstimmiger Gesang im Spannungsfeld mit einem Moog-Synthesizer, nicht aber in der Tradition der kollektiven Improviation, sondern als Zusammenspiel von brodelnden Sounds mit Pop- und Klassik-Referenzen. Dabei ist noch immer nicht klar, was wir da gerade hören, wenn Paul Frick mit spitzen Fingern ausdauernde Ostinato-Muster formt und vorführt, dass ein Klavier auch eine Rhythmusmaschine sein kann, während die anderen Musiker bei diesem Verwirrspiel immer wieder schöne Kontraste herausarbeiten. Herrliches Geklöppel, das wahlweise einen pumpenden Technobeat oder ratternden Güterzug imitiert. Einmal klingt es fast wie Depeche Mode, dann wieder wie Filmmusik, abgefedert in einem tanzbaren Groove, der da nicht fehlen darf, während die sphärischen Harfenklänge und der engelsgleiche Chorgesang dem Ganzen die letzte Bodenhaftung nehmen.

Eine nicht unwesentliche Rolle spielt bei einigen Stücken auch der seltsame Beaver Sheppard, dessen introspektive Wunderlichkeit der Musik eine schrille Note verleiht - ein mutiger Performer mit durchdringender Quäkstimme, der mit Vollbart, Sandalen und Vintage-Blumenkleid aussieht wie Peter Ustinov in der Rolle des Nero in "Quo Vadis" und sich zwischendurch auf die Bühne legt. Dann aber wieder rein ins Feuer! 90 Minuten lang bis die letzte Zugabe "Pretend" verhallt wie ein stiller Gruß, der aus den tiefen Kellern des ehemaligen Sarglagers heraufschallt: "Just for tonight / We can pretend / That we're friends / Friends to the end". Ja doch, das hebt ab, ganz langsam, aber entschlossen und voller Zuversicht dem Jenseits zuwinkend.

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