Kultur : "Brassed Off": Kumpels Gloria

Ulrich Deuter

Grimley, eine Zeche in Yorkshire, wird sterben und mit ihr die Grimley Brass Band. Das nimmt den Musikern jede Lust, sich für die nationale Endausscheidung der Blechblaskapellen noch länger ins Zeug zu legen. Bandleader Danny ist da ganz anderer Ansicht. Seit ihn die Staublunge zum Invaliden gemacht hat, bedeutet die über hundert Jahre alte Kapelle sein ganzes Restleben. "Wenn man sich an uns erinnern wird, dann nur durch unsere Musik", beschwört er seine Jungs. Doch für die sind die großen Traditionen des Bergbaus, Zechenkultur und Arbeitskampf schon nur noch Vergangenheit. Wir schreiben 1994: Die letzten großen Streiks liegen zehn Jahre zurück, Margaret Thatcher hat die Regierung verlassen, Zechenstilllegungen werden jetzt mit Geld abgefedert. Die meisten Kumpel stimmen der Abfindung von 20 000 Pfundzu.

Die deutschsprachige Erstaufführung von "Brassed Off - Mit Pauken und Trompeten" am Essener Grillo-Theater macht einen gravierenden Unterschied zwischen den englischen und den deutschen Verhältnissen deutlich: Nicht die Musik der Knabenkapellen hat hier im Ruhrgebiet den Bergbau im Gedächtnis bewahrt, sondern dessen Baukultur: Im Hintergrund von Wolf Münzners Bühne erhebt sich das "Doppelbockgerüst", der kolossale Förderturm der Zeche Zollverein beinah so imposant wie der reale im Essener Norden.

"Brassed Off" kam 1997 als Film auf die Welt und feierte sehr parteiisch, sehr romantisch und sehr liebevoll das Ringen kleiner Leute um Selbstachtung unterm großen Rad der Wirtschaftsgeschichte. Paul Allen schrieb ein Jahr darauf eine Bühnenfassung, die alsdann in England auf Tournee ging. Das Stück ist wie der Film ein Sozialmärchen. Da sind die patenten Bergmannsfrauen des Komitees "Frauen gegen Zechenstilllegung", da ist die arme Familie des ehrlichen Kumpels Phil, der nach dem großen Streik von 1984 im Gefängnis saß und nachher keine Arbeit mehr hatte und da ist vor allem die attraktive Gloria. Sie ist ein Kind des Ortes, die aus London zurückgekommen ist, um ein Rentabilitätsgutachten für die Grube zu erstellen, aber auf Seiten der Kumpel steht und von ihrem Großvater das Flügelhorn samt dem Talent zum Blechblasen geerbt hat. Als sie der Band beitritt, geht es mit der Musik wieder aufwärts wie ein Förderkorb von der siebten Sohle. Die Grimley Brass Band gewinnt das Halbfinale und triumphiert schließlich auch in der Endausscheidung in der Royal Albert Hall. Für Danny hat sich ein Lebenstraum erfüllt. Die Kumpel sind zwar die Arbeit los, aber um den Stolz reicher, wieder Subjekte ihrer Geschichte zu sein.

Der Stolz des Theaters mag auf der Insel darin bestanden haben, dem vom Manchester-Thatcherismus traumatisierten Land auch auf der Bühne ein Stück Menschlichkeit entgegenzuhalten. Im Ruhrgebiet ist ein solches Stück pure Nostalgie. Die Inszenierung Jürgen Bosses bemüht sich kaum, die Story aufs Hiesige zu übertragen. Rhythmisch wie die Musik der "Grillo All Stars" mit ihrem prangenden Blech gelingen die Schnitte vom Zechentor auf die Kaue, auf den Probenraum, auf die Wohnküche von Phil und Sandra. Stockend allerdings präsentieren sich die Dialoge. Der Film machte den sozialkitschigen Tenor der Story durch große Nähe zu seinen Figuren wett, was auf der Bühne nicht gelingt. Die bruchlosen Gutmenschen - das böse Kapital kommt nur in der stummen Gestalt eines Zigarre rauchenden Kredithais vor -, das Fehlen von Angst und Verzweiflung, versüßt das Geschehen zu einem bunten, flinken Genrebild, einem "Penny Lane" des Proletariats, in dem das grandiose Bühnenbild, die kuhlila Uniformen und das satte Big-Band-Brummen der Brass Band die ganze Attraktion sind.

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