Kultur : Brauchen wir die NATO noch?: "Sie wird noch dringend gebraucht"

Erst hat die Nato den Bündnisfall ausgerufen

Ulrich Weisser (63) war als Vizeadmiral Planungschef im Verteidigungsministerium. Weisser hat sich intensiv mit der Nato beschäftigt.

Erst hat die Nato den Bündnisfall ausgerufen, jetzt spielt sie im Afghanistan-Krieg gar keine Rolle. Warum eigentlich?

Es gibt in Deutschland zwei Denkschulen. Die eine ist geprägt von der Besonnenheitskultur, sie ist darauf bedacht, das nichts geschieht, was militärisch ist. Die müssten sich ja freuen, dass die Nato keine Rolle spielt. Dazu gehören die Grünen. Die anderen sind ganz besorgt, dass die Nato nichts mehr macht. Ich kann dazu nur sagen: Wir befinden uns erst in der ersten Phase eines ersten Feldzuges, dem werden weitere Phasen folgen, und in denen wird die Nato noch dringend gebraucht werden.

Welche Phasen?

Denken Sie an den Irak. Es geht gar nicht nur um Krieg, sondern auch um Einfluss und Abschreckung, um politischen Druck. Die USA können das nicht alleine. Die Nato verstärkt den politischen Druck, sie gewährleistet mehr politische, strategische und militärische Power.

Damit hätte die Nato ihre ursprüngliche Aufgabe der reinen Verteidigung verloren?

Nein, diese Aufgaben verändern sich nur. In Deutschland begreifen wir das aber nicht. Wir begreifen nicht, dass es hinter unserer europäischen Peripherie gärt und brodelt. Über diese Gefahren findet bei uns gar keine strategische Debatte statt. Wir sind gut beraten, eine erfahrene Sicherheitsorganisation zu behalten.

Welche Gefahren meinen Sie?

Schlagen Sie doch einmal einen Bogen von 3500 Kilometern um Teheran herum. Dort haben Sie 80 Prozent der weltweiten Energiereserven, 60 Prozent des Weltbruttosozialproduktes, 75 Prozent der Weltbevölkerung. In dieser Region ist die Gefahr durch ethnische Konflikte und Terror sehr groß. Wenn man das vor seiner Haustür hat und von Energie und Stabilität abhängig ist, sollten wir schlagkräftig sein.

Das sind die neuen Aufgaben der Nato?

Das sollten sie sein. Aber dafür muss sie ihr politisches und strategisches Selbstverständnis neu bestimmen: Die Herausforderung durch Terrorismus ist global, wir müssen unsere Interessen dort schützen, wo sie angegriffen werden. Das bedeutet, dass die Nato außerhalb des Bündnisgebietes tätig werden muss, wenn es Bedrohungen gibt: im Persischen Golf, in Nordafrika oder Zentralasien

Wo sehen Sie noch Reformbedarf?

Man muss der Nato nur die Mittel geben, und sie muss zusammen mit Europa und Russland agieren. Das schließt nicht aus, dass Europa eine eigene Armee, eigene Krisenreaktionskräfte haben kann. Aber alleine, ohne die Nato, verfügt niemand über die notwendigen organisatorischen, politischen und militärische Kapazitäten. Sie können ja die Nato nicht abschaffen, nur weil man versäumt hat, die Defizite zu beseitigen.

Es gibt keinen einzigen Grund, die Nato abzuschaffen?

Dazu fehlt mir wirklich die Phantasie. Man muss das Bündnis den Bedingungen der Zeit anpassen. Dazu gehört die Integration Russlands, der eigenständige europäische Beitrag und die Integration neuer Mitglieder. Die Nato ist zum Wandel fähig.

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