Kultur : Braucht die Gesellschaft wieder Tabus?

PETER BECKER

Auch nach dem Tod von Diana: Paparazzi oder die Publicity-Jagd auf Prominente sind nur Randerscheinungen einer global gewordenen Sensationsindustrie und VoyeursgemeinschaftVON PETER VON BECKEREin Liebespaar rast in den Tod.Dabei hofft es, für eine Nacht wenigstens, ohne fremde Augen zu leben.Dieses jähe Ende von Prinzessin Diana und Dodi al-Fayed im Tunnel von Paris wird nun, für eine Woche zumindest, allüberall als Menetekel empfunden: als Schand- und Warnmal einer noch die private, die intimste Regung erhaschenden und ausschlachtend enthüllenden Öffentlichkeit. Natürlich lenken die spektakulären Umstände erst einmal alle Blicke auf das vordergründige Thema "Paparazzi und Prominente", auf die Frage also, welchen Rechtsschutz auch Protagonisten der Medienwelt ­ Politiker, Fürsten, Filmstars ­ gegenüber einer überschäumend zudringlichen Publizistik genießen sollen.Das Thema ist freilich diffizil: Jede generalisierende Regelung berührt eine Unzahl denkbarer Einzel- und Grenzfälle im Spannungsverhältnis zwischen Persönlichkeitsrecht und Pressefreiheit (wobei die neue Geliebte eines verheirateten Ministerpräsidenten noch der simpelste Casus ist). Doch so sehr das Ereignis von Paris jetzt alle Aufmerksamkeit zu bannen scheint: Nicht etwa grausame Paparazzi oder bemitleidenswerte Superstars verkörpern heute die drängendsten Probleme einer globalen Sensationsindustrie ­ in einer zunehmend enthemmten Voyeursgesellschaft.Und nicht nur ein Liebespaar, auch jede Zivilisation stirbt ohne den Schutz (und den Reiz, ja: die Kultur) der Intimität. Es bedeutet eben mehr als nur eine makabere Pointe, daß nach dem Ende des totalitären Sozialismus längst eine zweite, kommerzielle Vergesellschaftung des Individuellen im Gange ist.Eine Verwandlung alles Privaten ins Abbildbare, Publizierbare, Sendefähige.Anstelle von Orwells Großem Bruder, dem allmächtigen Staat, steigert sich die Omnipräsenz der elektronischen und digitalen Medien inzwischen bis an den Rand der Omnipotenz.Videos, Kabeltechnik, Satellitenfernsehen, Internet ­ das alles kannte Marshall McLuhan noch nicht, als er vor 30 Jahren als erster das globale "Dorf der Medien" beschrieb.Jetzt jedoch hat er, posthum, noch recht behalten. "Die Medien" und "Die Globalisierung", solche Großbegriffe klingen gewiß nur allzu leicht auch nach Formeln eines abgenutzten Repertoires kulturkritischer Kassandra-Rufe.Aber alle wohlmeinenden Plädoyers für das möglichst schrankenlose Recht auf Information und Unterhaltung, für die im internationalen Daten- und Wissensaustausch unvergleichlichen Vorzüge des Internet, sie können nicht wegwischen: daß der große Rausch-Angriff auf die mediale Verfügungsmacht über möglichst alle menschlichen Sphären längst begonnen hat.In Deutschland fordern die Pay-TV-Sender Premiere und DF 1 jetzt ganz offen die Freigabe ihrer Kanäle für harte Pornographie; man überlegt hierbei unter anderem schon juristische Schritte gegen die jeweiligen Landesmedienanstalten.Ermutigt werden diese Bestrebungen nicht zuletzt durch das Internet-Urteil des Obersten Bundesgerichts der USA, das diesen Sommer entschied, ein Verbot, pornographische Inhalte im Netz auch Minderjährigen zugänglich zu machen, verstoße ­ jenseits aller Probleme der technischen Durchsetzbarkeit ­ gegen das Verfassungsrecht der Rede- und Meinungsfreiheit.Der Staat, argumentierten die Richter, als ginge es schon um die Vergewaltigung aller Volljährigen, der Staat dürfe Erwachsene nicht "dazu zwingen", sich nur das anzuschauen, "was für Kinder geeignet ist". Parallel dazu hob der Oberste Gerichtshof auch noch substantielle Teile eines ersten zaghaften Gesetzes der Clinton-Regierung zur Einschränkung des Schußwaffenverkaufs in den USA auf.Und eine weitere Ironie des Augenblicks: Zur gleichen Zeit, als nun Vertreter der Computerindustrie das erste Urteil als "Geburtsurkunde des Internet" feierten, wurden in Oklahoma City, wo die Colts einst besonders heftig rauchten, wegen akuter Jugendgefährdung ein paar Videokopien von Volker Schlöndorffs bald zwanzig Jahre alter Verfilmung der "Blechtrommel" beschlagnahmt. Nicht kassiert oder zensiert wird dagegen Adrian Lynes neueste Verfilmung von "Lolita" ­ das Werk findet in den USA, dem Kontinent der multiplen Moral, erst gar keinen Verleih.So, als hätten von Erotik, Sexualität oder auch Gewalt erzählende Kunstwerke eine kriminogene Massenwirkung, als wären die Kinderschänder von Belgien bis Thailand, von Oklahoma bis Traunstein ausgerechnet Leser des poetischen Sensualisten Vladimir Nabokov ... "Kunst und Pornographie", das ist 1997 ein altehrwürdiges Thema.Für Idylliker.Die Gesellschaftsbilder, die prägenden und die bezeichnenden Bilder der Gesellschaft rühren wohl aus anderen Sphären.Szenen nur dieses Sommers: Bundeswehrsoldaten, die in Bosnien Menschenrechte schützen sollen, drehen zum eigenen Vergnügen Videos von simulierten Folterungen.Vierzehnjährige köpfen Kinder, schlagen Kleineren den Schädel ein, schlitzen sie auf ­ und zu Hause, in Japan oder in der Bundesrepublik, liegen die Horror-Videos der Eltern und Verwandten.Im bayerischen Traunstein steht ein Paar vor Gericht, das Kunden per Internet gegen 12 000 Mark überaus detailliert die tödliche Malträtierung eines Buben oder kleinen Mädchens angeboten hatte (plus 3000 Mark für die Beseitigung des "Kadavers").Obwohl im häuslichen Keller des Paares ein "Folterstudio" gefunden wird, erfolgt ein Freispruch, da es sich möglicherweise nur um ein virtuelles, noch kein real geplantes Verbrechen gehandelt hat.Und ihren eigenen Beitrag zur Virtualität und Realität des Ordinären, Obszönen liefern derzeit mindestens sieben Talk-Shows allein in Sat 1 und RTL, bei denen zwischen 11 Uhr und 17 Uhr vor Kindern und Familien die Plapparazzi des bumsfidelen, des exhibitionistisch entfesselten Mittelstands über Gruppensex, Alterssex, Sex mit Haustieren und Überirdischen, über Privatpornos und alle denkbaren Formen des Voyeurismus quatschen.Die notdürftig verbrämten, die immerzu halbgeilen Bilder liefert dazu in Magazinen und Filmen das Folgeprogramm. Im Fall von Diana und Dodi al-Fayed, wo sich jener Voyeurismus, der hier Publikationen und Publikum eint, in der Sphäre des Glamourösen und Trivialmythischen bedient, wird nun auch vom "Hinrichtungsjournalismus" gesprochen.Tatsächlich zielt der immer weiter gesteigerte Reiz des Sensationellen in der menschlichen Psyche letztlich auf das Äußerste: auf die Verbindung von Sexualität und Gewalt, auf die Vereinigung auch von Eros und Thanatos.Der Tod und die Todesangst eines anderen aber ist der ultimative Kitzel.Heute, im Mittelalter der elektronisch-digitalen Revolution, fordern daher in den USA bereits private Fernsehsender (mit scheinheiligen und gar pädagogischen Begründungen) das Recht zur Übertragung von Exekutionen.Live aus der Gaskammer, vom elektronischen Stuhl.Und natürlich werden, spätestens wenn der überlebende Leibwächter oder die freigelassenen Fotoreporter als erste Unfallzeugen den Medien ihre Version der Todesfahrt in Paris verkaufen und erzählen, auch die Bilder der sterbenden Prinzessin und des zerfetzten Geliebten publiziert werden.Die voyeuristische Verrohung, die längst ein Stück massenhafter Medien-Realität geworden ist, statuiert dann nur ihr prominentestes Exempel. Durch Appelle an den Gesetzgeber, durch einzelne staatliche Regularien dürfte das, was sich grenzüberschreitend durch globale Netze zieht, kaum zu beeinflussen sein.Trotzdem wächst das Empfinden, daß nicht alles, was rechtlich, was kommunikationstechnisch möglich und machbar ist, auch nötig und erträglich ist.Ob bei der Gen-Technik oder bei der Diskussion um die sozialen Folgen der ökonomischen Globalisierung stellen sich immer dringlicher Fragen, die in der modischen Postmoderne bis vor kurzem als aufklärerisch veraltet galten.Fragen nämlich der individuellen und gesellschaftlichen Moral.Nach den Regierungswechseln in England und Frankreich ist nun im Hinblick auf Maastricht auch wieder von einer Europäischen Sozialcharta die Rede; und der Münchner Soziologe Ulrich Beck, ein Ratgeber selbst für Politiker und Unternehmer, argumentiert in seinem neuesten, demnächst bei Suhrkamp erscheinenden Buch "Was ist Globalisierung?", nach der jahrelang sinnvollen "Politik der Deregulierung" gebe es nun auch im Zusammenhang mit dem, "was Europa als Menschenwürde definiert", die Notwendigkeit einer "Reregulierung". Dies berührt sich, in anderer Sprache, durchaus mit Gedanken von Schriftstellern (wie Botho Strauß) und Philosophen (wie Hans-Georg Gadamer), die seit längerem danach fragen, ob eine durch und durch permissive und säkulare Gesellschaft nicht wieder eines Mindestmaßes an geistigem Halt bedürfe.An letzten Tabus.Politisch und juristisch ist der Ausverkauf jeden Rests persönlicher Scham, der selbst bei Tätern und Opfern von Verbrechen oder Unglücksfällen oft freiwillig, weil gegen Honorar geschieht, ein heikles Gebiet.Zugleich aber spricht, was inzwischen dank Video, TV und Internet zum allgemeinen zivilsatorischen Standard erhoben wird, dem ersten Grundsatz der Verfassung ­ "Die Würde des Menschen ist unantastbar" ­ nur Hohn.Von der Zeugung bis zum Tod, vom Bett bis zur Bahre wird die condition humaine jetzt zum öffentlichen Schauspiel, wird noch das Intime, das Schönste oder Fürchterlichste, was Menschen einander antun können, zum käuflichen Stoff.Zur Quoten-Droge.So aber schlägt die totale Öffentlichkeit immer leichter um in totalitäre Verfügbarkeit und Verführbarkeit. Man müsse doch sehen, meinte unlängst in der "Zeit" der französische Meisterdenker Jean Baudrillard, "daß die Sexualisierung der Welt, die sich im übrigen nicht nur auf Waren bezieht, sondern auf die Bilder, die Pornographie, ein gigantisches Entsexualisierungsunternehmen ist, das im Klonen endet ...Alles geht im Exzeß zugrunde: Wenn der Sex verschwindet, dann deshalb, weil es zuviel Sex gibt, die Information verschwindet, weil es zuviel Information gibt". Für Sex ließe sich hier besser noch "Liebe" sagen.Davon handelte kürzlich auch der 40.Weltkongreß der Psychoanalytischen Vereinigung in Barcelona.Was Gesellschaften, hieß es in einem Tagungsbericht, bisher zusammengehalten habe, sei eine "Balance von Tabu und Tabubruch".Auf ebendieser Ambivalenz beruht nun auch jedes sinnvolle Verhältnis zwischen Öffentlichkeit und Privatheit.Es gilt gleichfalls in der Liebe, in der sozialen Gemeinschaft: zwischen Begehren und Erfüllung, zwischen Nähe und einem Menschenrecht auf Einsamkeit.Auch dies ein altmodisches Wort.Doch für ein neues Bewußtsein bedarf es oft nur eines initiierbaren Umschlags der öffentlichen Meinung.Das ist heute die Chance der Medien.Es ist auch ihre herausfordernde Aufgabe.

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