Kultur : Brautkleid bleibt Brautkleid

Das Kino des schlechten Geschmacks kommt in die Jahre: „American Pie – Jetzt wird geheiratet“

Martin Schwickert

Wenn in ein paar tausend Jahren die Klimakatastrophe die Menschheit unter ihren Fluten begraben hat und oben auf geschmolzenem Polarwasser als letztes Zeugnis unserer Zivilisation eine DVD von „American Pie“ treibt, dann werden sich die außerirdischen Archäologen an dem Fund die Zähne ausbeißen. Wundern werden sie sich, nicht nur über die körpereigenen Substanzen, die sich die jungen Erdlinge einverleiben, sondern auch über die seltsamen Initiationsriten und das Fortpflanzungsgebaren unserer Spezies. Beim Dechiffrieren der gesellschaftlichen Codes wird ihnen der starke Hang zur Dekadenz und das gleichzeitige Unvermögen, diesen Drang auszuleben, ins Auge fallen. „Ein versaut-verklemmtes Völkchen, dieses Menschengeschlecht“, so werden die intergalaktischen Ethnologen urteilen, „offenkundig dem Untergang geweiht“.

In die dritte Runde geht nun die Teenieklamotte „American Pie“ – und es besteht Grund zur Hoffnung, dass dies wirklich die letzte Folge sein wird. Denn, der deutsche Bindestrich-Verleihtitel brüllt es heraus: Jetzt wird geheiratet! Und danach ist bekanntlich Schluss mit lustig. Zumindest in diesem Genre.

1999 durften die fünf Provinzjugendlichen zum ersten Mal auf der Leinwand die Sau rauslassen. Die Gebrüder Farrelly hatten gerade mit „Verrückt nach Mary“ den Weg geebnet für das, was Filmhistoriker vielleicht später einmal großherzig „Das Kino des schlechten Geschmacks“ nennen werden. Hier war es nicht das Ejakulat in der Trendfrisur von Cameron Diaz, sondern der Begattungsversuch eines notgeilen Teenagers mit einem Apfelkuchen, der sich ins popkulturelle Gedächtnis einschrieb. Eine Handvoll gezielter Entgleisungen festigten den Ruf von „American Pie“ auf den Schulhöfen und bescherten den ersten beiden Folgen ein weltweites Einspielergebnis von fast 500 Millionen Dollar.

Aber Drehbuchautor Adam Herz und seine wechselnden Regievollstrecker (diesmal: Jesse Dylan) konnten es nie mit dem anarchistischen Charme der Farrellys aufnehmen. Sie blieben immer Gefangene der Genreregeln und kitteten ihre Ekelgrenzverstöße mit menschelnder Didaktik zusammen. Im ersten Teil ging es um die Widrigkeiten des sexuellen Erstvollzugs auf der Highschool, im zweiten um den polygamen Leistungsstress am College. Die Antworten, die die Filme darauf gaben, unterschieden sich kaum von den Ratschlägen, die Dr. Sommer vor 20 Jahren in der „Bravo“ ausgeteilt hatte. Auch wenn sie noch so versaut daherkamen – im Herzen waren die „Pie“-Filme immer ein wenig spießig.

Im finalen Teil der Trilogie wird der Widerspruch zwischen pubertären Ferkeleien und den Vernunftansprüchen der Erwachsenenwelt verblüffend versöhnlich aufgelöst. Entgleisungen (der Verzehr von Hundekot und ein paar Schamhaare auf der Hochzeitstorte) gibt es auch hier. Aber in „AP3“ – so das griffige Kürzel im Sommer der Sequels – werden die ehemals wilden Kerle einer nach dem anderen in den Prozess der Zivilisation eingegliedert. Das gilt nicht nur für Jim (Jason Biggs), den ehemaligen Apfelkuchenbegatter, der jetzt seine etwas einfältige, aber sexuell agile Freundin Michelle (Alyson Hannigan) ehelichen will. Nein, sogar der grenzdebile Stifler (Seann William Scott) gibt seine hormongesteuertes Herumtreiben auf, um das Herz einer blonden Brautjungfer zu erobern. Selbst die homophoben Vorurteile, die die Kumpeldialoge der ersten beiden Folgen durchzogen hatten, werden nach einem versehentlichen Besuch in einem Gayclub zugunsten eines freundschaftlichen Verhältnisses zum dritten Geschlecht aufgegeben.

Sieht man über zwei, drei gezielte Geschmacksverstöße hinweg, bleibt nichts als eine stinknormale Hochzeitskomödie übrig, mit den üblichen Krisen um Torten, Brautkleider und Blumengebinde. „AP3“ ist der letzte Seufzer eines ausgebluteten Franchise-Projektes: Seine Helden waren in ihren Jugendjahren unerträglich, als Erwachsene nun sind sie zu noch unerträglicheren Langweilern herangereift.

In 24 Kinozentren; OV im Cinemaxx Potsdamer Platz und Cinestar Sony Center

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