Kultur : Breakdance fürs Image

Sie können auch anders: Mit einer Musical-Show kämpfen die Neuköllner Rütli-Schüler gegen Vorurteile

Kaspar Renner

„If we hold together“, singt ein glockenheller Kinderchor, „all our dreams will come true.“ Man muss nur fest zusammenhalten, dann werden alle Träume wahr. „An alle von Flensburg bis Passau, die glauben zu wissen, wie wir sind“, verkündet Heinz Buschkowsky, der Bezirksbürgermeister von Neukölln: „Wir sind anders!“ Das ist die Botschaft, die an diesem Tag von der Arena Treptow ausgehen soll. Zu sehen ist eine Musical-Show, mit der die Schüler und Lehrer der Neuköllner Rütli-Schule endlich einmal für positive Schlagzeilen sorgen wollen. „Rütli tanzt – wir können auch anders“ heißt das Programm. Der Auftritt wird zum Triumph, am Ende branden „Zugabe, Zugabe!“-Rufe durch die Halle.

Flankiert werden die Schülerinnen und Schüler auf der Bühne von den Musikern der Young Americans: Helden, die sich nicht allzu ernst nehmen. Als Monty Pythons Ritter der Kokosnuss preschen sie über die Bühne, in Kettenhemden aus Plastik und engen Leggins. „There are cores behind these clothes“, singen sie in einer Schnulze, die nicht weniger grotesk wirkt, „and stories behind these empty eyes.“ Die Show jedenfalls ist „so fabulous“, „so marvellous“, wie der Moderator mit der Ausstrahlung eines Zirkusdirektors versichert. Das eilig zusammengestellte Programm ist ein rasantes Crossover aus fünfzig Jahren Popgeschichte, mit Songs von Elvis und den Beatles. Ensemble-Auftritte wechseln mit Soli. Frederick, 9. Klasse, tritt als „Man in Black“ auf und spuckt seine Reime ins Mikrofon. Yehya, auch 9. Klasse, singt „I Love Rock’n’Roll“. Dann setzt er zum Helikopter an, einem Breakdance-Tanz. Seine Beine kreisen so schnell, dass den Zuschauern schwindlig wird.

„Dass so etwas nicht in Aggression umschlägt, das muss unsere Motivation sein“, sagt Michael Heib, Manager der Young Americans Europa. Mit seiner Company hat er schon in 200 deutschen Schulen „Education-Projekte“ durchgeführt. Die Young Americans sind dort zur Stelle, wo Schüler an ihrem Selbstvertrauen zweifeln. Vor kurzem erst haben sie am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt gearbeitet. Das Angebot eines kostenlosen Workshops nahm Rütli-Schulleiter Helmut Hochschild sofort an: „Wir können alle Kompetenzen von außen brauchen, besonders im künstlerischen Bereich.“ So verwandelte sich die Rütli-Schule drei Tage lang in ein Trainingslager für Gesang und Choreografie.

Der Unterricht endete nicht wie üblich um 13, sondern erst um 17 Uhr. Fast alle der rund 200 Schüler machten begeistert mit. Die Coaches von den Young Americans sind zwar nur wenige Jahre älter als die Schüler, verschaffen sich aber spielend Respekt. Da ist einer, der fast zwei Meter groß ist und so schmatzend Körbe stopft wie Shaquille O’Neill. Das beeindruckt die Jungs, und die Mädchen geraten ins Schwärmen. Oder einer, der die Augen rollt und springt wie Jackie Chan bei seinen besten Stunts: Key-mo, in Laos geboren und selbst erst 18 Jahre alt. Die Distanz zwischen Schülern und Trainern ist gering, das sorgt für eine entspannte Atmosphäre.

„Sich etwas zutrauen“, sagen die Trainer, „das fehlt den Rütli-Schülern.“ Bei Rapper Frederick, der ein Brillie im Ohrläppchen trägt und Kool Savas sein Vorbild nennt, den „Pimplegionär“ und „T-Rex der Reime“, kann man sich das kaum vorstellen. „Verzieht euch, ihr Geier“, zischt er die Kameraleute bei der Aufführung an. Yehya wird auf dem Schulhof nur „Locke, der Boss“ genannt, wegen seiner rot gefärbten Föntolle. Er stilisiert sich zum Al Capone Neuköllns: 69 Anzeigen habe er, 4 laufend, darunter Raub, schwerer Raub und Körperverletzung. Sagt er. Und im Sport sei er unschlagbar: Berliner Boxmeister im Fliegengewicht für Victoria, Auftritte als Break-Dancer im Friedrichstadtpalast. „Meine Freunde lieben mich, die Frauen liegen mir zu Füßen“, grinst er. „Was will ich mehr?“

Wer rappen oder breaken kann, verschafft sich den Respekt der anderen. Das ist nichts Neues in Neukölln. Genau deshalb sind die Young Americans so geachtet. Weil sie von der East Coast oder der West Coast kommen, die man südlich des Maybachufers nur vom Hörensagen kennt. Ob man den Kindern den Lifestyle, den sie aus dem Fernsehen kennen, noch einmal vorspiegeln muss? Es gibt einige Schüler, die im Mainstream untergehen. Da ist etwa ein schmächtiger Pakistaner aus der 10. Klasse. Er schwärmt für den Sänger Shahrrukh Khan, den König des Hindi-Films, der für viele BollywoodStreifen die Musik geliefert hat. Schalmeiend und melancholisch klingen diese Lieder, die der Schüler im Handy gespeichert hat. Bei der Aufführung in der Arena, der ein regelrechter Karneval der Kulturen vom irischen Stepptanz bis zum deutschen Volkslied vorausgeht, schaut er nur zu. Während der Vorbereitungsphase aber war er aktiv.

Selbst die Störer ließen sich gewinnen. Sie patroullieren als „Security“ zwischen den Turngeräten: „Zeigen Sie mal Ihren VIP-Ausweis!“ Viele Augenblicke der Gemeinsamkeit gibt es in den drei Tagen: Als Deutsche und Amerikaner sich zum Pärchen verklammern, dessen einer Teil die Hände, der andere den Mund bewegt, um gemeinsam einen imaginären „Döner mit extra viel Zwiebeln“ zu bestellen. Das verbindet. Als Lehrer und Schüler gemeinsam lachen, auf einer Skala von eins bis zehn, welche die Lautstärke oder den Grad der Gesichtsverrenkung angibt. Das entkrampft.

„Man sieht schon, wie sich die Atmosphäre entspannt“, sagt eine Lehrerin, die Musik, Deutsch und Biologie unterrichtet. Dass das Schuljahr nicht nur drei Tage hat, ist ihr bewusst. Aber wie das Projekt im Alltag fortgeführt werden soll, ist „noch nicht spruchreif“. Von einer großen Schulkonferenz ist die Rede. Was dort beschlossen werden soll? Die große Crux des Projekts bleibt, dass es für die Kinder und gleichzeitig für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Eine mediale Schleife, die Widersprüche produziert. „The show is for the kids“, verheißt der Zirkusdirektor in der Arena, vor Kindern, die kaum Englisch können: „They are fabulous. So fantastic. Just marvellous.“

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