Kultur : Brecht alaaf!

Herbert Fritsch inszeniert in Köln „Herr Puntila und sein Knecht Matti“.

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Gruppenbild mit Schnute. Szene aus Fritschs „Puntila“. Foto: David Baltzer/Zenit
Gruppenbild mit Schnute. Szene aus Fritschs „Puntila“. Foto: David Baltzer/Zenit

Der Gutsbesitzer Puntila ist entsetzt. „Ich hab Anfälle“, warnt er seinen Chauffeur Matti, sturzbetrunken aus einer Kneipe kegelnd, vor. Es handele sich um quartalsweise auftretende Attacken von „totaler, sinnloser Nüchternheit“, in denen er „überhaupt keine Hemmungen mehr“ habe. Mit anderen Worten: Er sei dann „direkt zurechnungsfähig“.

Am Schauspiel Köln hat sich jetzt Herbert Fritsch, von der FAZ zum „Horrorkasperl“ des deutschen Theaters geadelt, Bertolt Brechts kapitalismuskritische Trinkerparabel vorgeknöpft, die 1940 im finnischen Exil entstand. Die nordischen Wälder, die der im Suff gutmenschelnde und ausgenüchtert zum Bilderbuchausbeuter mutierende Puntila sein Eigen nennt, sucht man auf Janina Audicks Bühne freilich vergeblich.

In Köln hüpfen Puntila & Co. abendfüllend durch eine Art 40er-Jahre-Vergnügungspark, den sie vorzugsweise über eine von Kunstpalmen flankierte, als Rutsche fungierende Show-Achterbahn erreichen. Davor sitzt der Musiker John R. Carlson im Bananenröckchen, lässt die Kollegen nach seinem Dirigat im Chor kaspern und erhebt sich auch selbst zu einer neckischen Schrumpfchoreografie.

Rein geografisch betrachtet, scheint es uns bei diesem „Puntila“ eher nach Süddeutschland verschlagen zu haben als nach Nordeuropa. In der Sauna jedenfalls, in der bei Brecht die handlungstragendsten Passagen episch ausgeschwitzt werden, begrüßt uns bei Fritsch ein schwäbelnder, unterhemdschwingender Udo zum „original finnische Kaurismäggi-Aufguss“. Und auch Puntila verfällt gern mal ins Stuttgarter Idiom, wenn er von seinen Nüchternheitsanfällen heimgesucht wird.

Das ist plakativ, aber unter rein praktischen Gesichtspunkten hilfreich. Ansonsten fällt es in Köln nämlich gar nicht so leicht, den nüchternen vom blauen Puntila zu unterscheiden: Charly Hübner gibt beide Varianten als konturarmen Entertainment-Tölpel vom Knuddelbärentypus. Klar: Dass Herbert Fritsch Brechts alten Klassenantagonismus nebst hegelianisch ausziselierter Herr-Knecht-Dialektik auswalzen würde, hatte von vornherein keiner befürchtet. Das Problem ist nur: Man wird auch nicht so recht schlau, was ihn stattdessen interessiert.

Der blasse Knuddel-Puntila und sein Knecht Matti, den Michael Wittenborn als stocksteif schnarrendes, humorarmes Filmzitat in epochengerechter Service-Uniform spielt: Das geht hier so wenig zusammen (oder explosiv auseinander), dass man von einer Nichtkonstellation sprechen möchte. Und die Verortung des Stückes in der Revueseligkeit bricht der grandiosen Bösartigkeit, die man an Fritsch-Abenden normalerweise so schätzt, von vornherein alle möglichen Spitzen ab.

Folgerichtig macht es sich der Abend im Kalauer gemütlich. Ein hilfsfrankophil angeschwuchtelter Attaché (Maik Solbach), der Puntilas Tochter Eva (Angelika Richter) ehelichen will, nennt seinen erstrebten Schwiegervater „Tuntila“. Und wenn der Bananenrock-Pianist eine Paul-Dessau-Mucke anklimpert und jemand in die Runde fragt: „Ist das Dessau?“, antwortet der Rest augenrollend: „Hä? Das is’ Köln!“

Klar: Die Kostümbildnerin des Jahres 2011, Victoria Behr, hat Fritschs Akteure einmal mehr in großartige Outfits gesteckt. Nicht nur der Dreiteiler des honorigen Richters (Robert Dölle), der sich aus einem schwarzen Miedergürtel, einer weißen Strumpfhose mit interessanten Innenschenkel-Aussparungen und einem optimal hodensackbetonenden Schlüpfer zusammensetzt, ist Fashion-Week-verdächtig. Aber: Die starke Form bleibt diesmal merkwürdig äußerlich, so dass sich der Kölner „Puntila“, ähnlich wie der „Raub der Sabinerinnen“ kürzlich am Hamburger Thalia-Theater, zu einem regelrechten Lehrstück über die hohen Ansprüche mausert, die Fritschs Methode an Schauspieler stellt. In großen Fritsch-Abenden wie der „(S)panischen Fliege“ an der Berliner Volksbühne, dem Schweriner „Biberpelz“ oder der Oberhausener „Nora“ sahen wir Akteure, die die Verklemmungen, Deformationen und Verspießerungen ihrer Figuren von ganz tief innen hochnotkomisch und hyperindividuell nach außen stülpen.

In Hamburg – und jetzt in Köln – wirken die Schauspieler dagegen, als hätten sie die herausgestreckten Zungen, rollenden Augen und infantilen Stolperer wie in einem Materialkoffer neben sich stehen, aus dem sie sich das jeweils passende Teil herausgreifen und überwerfen: Ein gewaltiges methodisches Missverständnis! Denn abgesehen davon, dass diese Kostümierung zu uniformen Mustern führt, bleibt sie vor allem: hohl.

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