Brechts "Fatzer" am Berliner Ensemble : Gut abgehangen

Deserteur auf dem Totenacker: Manfred Karge inszeniert im Berliner Ensemble den „Untergang des Egoisten Johann Fatzer“ von Bertolt Brecht.

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Deserteur auf dem Totenacker. Joachim Nimtz (links) als Fatzer. Foto: eventpress
Deserteur auf dem Totenacker. Joachim Nimtz (links) als Fatzer.Foto: eventpress

Mit dem „Egoisten Fatzer“ ist Brecht bekanntlich nie fertig geworden. „Ein harter Bissen“, schrieb er 1928, nach bereits zweijähriger Arbeit am Manuskript, an Helene Weigel. „Ich baue immer noch am Rahmen herum.“ Dabei sollte es auch mehr oder weniger bleiben – wenngleich das Material noch fast bis auf 500 Seiten anwuchs. Anfang der dreißiger Jahre brach Brecht die Arbeit ab. Als „unmöglich“ verwarf er das Textkonvolut – ein Fragment aus Szenenentwürfen und kommentierenden Diskursen, das mittlerweile trotz allem in verschiedenen Versionen ein recht vitales Bühnenleben führt.

Gemessen an Brechts Schwierigkeiten hat Manfred Karge im Berliner Ensemble jetzt buchstäblich nicht lange gefackelt: Zu Beginn seiner Inszenierung prangt, in Großbuchstaben, der Schriftzug „Fatzer“ über der Bühne – als eine Art Silvesterfeuerwerksarrangement aus Wunderkerzen, die mit Grandezza niederbrennen, bevor der Protagonist selbst die Bühne betritt. Und das tut er genau so, wie dieses Bild suggeriert: als Zombie aus irgendeinem Fundus der Theater- oder anderweitigen Unterhaltungskultur. Bei Brecht aus einem Tank und im BE entsprechend illustrativ aus dem Bühnenunterboden, erklettert der Schauspieler Joachim Nimtz als Titelheld das Szenario, streicht sich die historische Uniform glatt, blickt unter sich und stellt gesichtsmuskelintensiv fest: Er steht auf dem leibhaftigen Tod.

Schlachtfeld der Schädel

Ausstatter Karl-Ernst Herrmann hat die komplette Bühne mit Totenköpfen gepflastert – ein Schlachtfeld hunderter Schädel, auf dem sich das Fortkommen folgerichtig wacklig gestaltet. Denn Fatzer desertiert – so die Brecht’sche Fabel – zusammen mit drei anderen, von ihm angestifteten Männern aus dem Ersten Weltkrieg. Im BE werden zur Veranschaulichung dieser historischen Situation vorsichtshalber auch immer mal wieder Soldaten auf einem Laufband am Bühnenhorizont hin und her gefahren, die sich dann – in der Mitte angekommen – kurzzeitig in geräuschintensive Kampfhandlungen verstricken. Auch an diesem Abend muss also niemand befürchten, die Peymann-Bühne vergreife sich stilbrüchig an ihrer gut abgehangenen Ästhetik: Alles, was auf dem Szenario gesprochen wird, unterlegen die Schauspieler zuverlässig mit der hausüblichen Verdoppelungsmimik, wobei man sich als Zuschauer auch in der zigsten Variante wieder gern dazu hinreißen lässt, den einen oder anderen Gedanken an die damit einhergehende Komik zu verschwenden – unter besonderer Berücksichtigung ihres Freiwilligkeitsgrades.

Dabei sind sowohl Bühnenbildner Herrmann als auch Regisseur Karge gut „Fatzer“-vorbelastet. Ersterer entwarf bereits das Szenario zur Uraufführung des Fragments 1976, 20 Jahre nach Brechts Tod, durch Frank-Patrick Steckel in der Schaubühne am Halleschen Ufer. Und Karge – nach seiner Schauspielausbildung noch von Helene Weigel persönlich ans BE geholt und im Kontext der Biermann-Ausbürgerung 1976 aus der DDR ausgereist – inszenierte 1978 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg zusammen mit seinem langjährigen Regie-Partner Matthias Langhoff eine eigens von Heiner Müller aus dem Fragment montierte Fassung. Müller nannte den „Fatzer“ einen „Jahrhunderttext“: Die Sprache, schrieb er, „formuliert nicht Denkresultate, sondern skandiert den Denkprozess.“

Manfred Karges Inszenierung, eine dialektische Einsteiger-Übung

Der „Egoist Fatzer“ erkennt bei Brecht zwar in klassenkämpferischer Lehrstückhaftigkeit die „Burschoasie“ als kriegstreibende wie -profitierende Kraft und somit als gemeinsamen Gegner, entfernt sich aber trotzdem immer wieder von seinen Mitdeserteuren, von denen er schließlich liquidiert wird. Tatsächlich taugt die Fatzer-Figur in abstrahierter Form bis heute als Inspiration für Denkversuche zur Dialektik von Individuum und Masse nebst Änderungsvisionen am Status quo. René Polleschs luzider Volksbühnenabend „Kill your Darlings“ mit Fabian Hinrichs und einem Berliner Turner-Kollektiv ist nicht der einzige „Fatzer“-Kommentar in der aktuellen Bühnenlandschaft.

„Die Inszenierung“, schrieb Heiner Müller damals zur Hamburger Karge- Langhoff-Produktion, „war wahrscheinlich nicht gelungen, weil den Regisseuren zu viel einfiel, sie war nicht einfach.“ Das ist diesmal leider weniger das Problem. Joachim Nimtz schafft es in der Textfassung von Karge und dem Dramaturgen Hermann Wündrich noch am ehesten, seinem am Brecht’schen „Baal“ geschulten Ego- und Erotomanen Fatzer eine gewisse Doppelbödigkeit einzuziehen.

Sein erster Kollege Büsching (Matthias Zahlbaum) hingegen beschränkt sich ebenso wie der zweite, Kaumann (Thomas Wittmann), in dessen Behausung sich der ganze Trupp nach der Desertation einquartiert, im Wesentlichen aufs dreifach unterstrichene perplexe Dreinschauen. Vor allem, wenn der hyperdeutlich IQ-überlegene Fatzer in einer seiner einzelgängerischen „Abweichungen“ mit Kaumanns Frau Therese im Unterbühnenkeller verschwindet. Gattinnen-Darstellerin Ursula Höpfner-Tabori zeigt dabei auf ihre schwarze Strumpfhose, unter der wir jene „schon verdorrte Blöße“ vermuten dürfen, von der bereits vorher vielfach gestenreich die Rede war. Einzig Fatzers am ehesten als Widerpart zu akzeptierender Kollege Koch (Roman Kaminski) hat noch ein paar vergleichsweise luzide Momente – was freilich nichts daran ändert, dass der hier über die BE-Bühne gehende Hundertminüter eine dialektische Einsteiger-Übung bleibt.

Wieder: 1.7., 20 Uhr und 10.7., 19 Uhr

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