Kultur : Breite Schultern

Nach Nagano: Ingo Metzmachers Antrittskonzert mit dem Deutschen Symphonie-Orchester

Frederik Hanssen

Der Mann weiß, wie man auf die Pauke haut. Als Teenager hat Ingo Metzmacher erste Orchestererfahrungen als Schlagzeuger in einem Jugendensemble gesammelt. Später sattelte er dann aufs Dirigieren um, kam übers Frankfurter Ensemble Modern an die Hamburgische Staatsoper, wo er sich einen hervorragenden Ruf als engagierter Trommler fürs Unerhörte erarbeitete, so dass ihn das Deutsche Symphonie-Orchester schließlich als Nachfolger von Kent Nagano an die Spree lockte. Mit einem schrillen Beckenschlag sorgte er hier allerdings noch vor Amtsantritt für Wirbel, als er den verdienten Orchesterdirektor Andreas Richter vor die Tür setzte. Für den dritten Oktober hat er seinen nächsten Coup vorbereitet: Dann wird er mit dem DSO Hans Pfitzners 1921 komponierte Kantate „Von deutscher Seele“ aufführen – ausgerechnet am Tag der Deutschen Einheit ein Werk des bekennenden Anti-Avantgardisten. Im Gespräch kann Metzmacher allerdings absolut nachvollziehbar erklären, wie Pfitzner seine dubiose politische Haltung durch seine komplexen Kompositionen selber ad absurdum führt – und warum es sich für einen freien Geist wie Ingo Metzmacher in dieser und in den kommenden Spielzeiten lohnt, mit seinem neuen Orchester nach dem zu suchen, was die heimische Musikwelt im Innersten zusammenhält.

Reden kann der 1957 geborene Hannoveraner nämlich fast ebenso gut wie dirigieren. Locker und unterhaltsam, ohne dabei je ins Oberflächliche abzugleiten. Darum moderierte er am Freitag auch gleich sein eigenes Antrittskonzert: Als Hommage an seine illustren Vorgänger ist das Programm angelegt, mit dem gleichzeitig das 60. Gründungsjubiläum des Orchesters gefeiert wird. Die zum „Galaabend“ proklamierte Veranstaltung findet zudem im frisch renovierten Sendesaal des RBB im Funkhaus an der Masurenallee statt. Sogar das Bundespräsidenten-Ehepaar gibt sich die Ehre. Nicht nur darum ist Ingo Metzmacher sichtlich nervös: Viel hat er sich vorgenommen, dirigiert zum Saisonstart gleich sechs sehr unterschiedliche Programme in Folge, von der als Klangrecherche angelegten Gegenüberstellung von Richard Strauss und Edgar Varèse über die Präsentation seines Lieblingszeitgenossen Helmut Oehring bis hin zum „Casual Concert“, einem Import aus den USA, bei dem Orchester wie Publikum zwecks Hemmschwellensenkung in Freizeitkleidung erscheinen sollen. Da lastet einiges auf den – zugegebenermaßen breiten – Schultern des Neuen.

Der Bürde, nun in einer Reihe mit den hoch geehrten früheren DSO-Lenkern Ferenc Fricsay, Lorin Maazel, Riccardo Chailly, Vladimir Ashkenazy und Kent Nagano zu stehen, entledigt sich Metzmacher wie gesagt dadurch, dass er ihnen gleich sein erstes Konzert zueignet – eine ebenso noble wie in der Berliner Nachkriegsmusikgeschichte wohl einmalige Geste. Nicht alles gelingt dabei gleich auf Augenhöhe: So brillant das DSO auch spielt, so geschickt Metzmacher die Qualitäten dieses hellen, wachen, stupend flexiblen Orchesterklangs zur Geltung bringt, insgesamt wirkt dieser Schostakowitsch-Bartok-Verdi-Gershwin-Ravel- Abend dann doch ein wenig verhetzt, überbelichtet, zu sehr auf Struktur getrimmt. Wie er seine Musiker zu virtuoser Schärfe, zu blitzender Präzision antreibt, darin ist Ingo Metzmacher an diesem festlichen Freitag seinem Berliner Kollegen Simon Rattle, ebenfalls einem Ex-Perkussionisten, sehr nahe: Rhythm is it!

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