Bremen : Hannah-Arendt-Preis geht an Zaslavsky

Politisches Denken gewürdigt: Der Hannah-Arendt-Preis geht in diesem Jahr an den Russen Victor Zaslavsky. Der Soziologe deckte die Umstände eines Massakers in Polen auf, das von der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg begangen und von den Westmächten gedeckt wurde.

BremenJahrzehntelang vertuschte die sowjetische Regierung den Massenmord an mehr als 25.000 Polen, doch der russische Soziologe Victor Zaslavsky brach das Schweigen. Dafür hat er am Freitag den Bremer Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken erhalten. Die Auszeichnung würdigt sein Buch "Klassensäuberung - Das Massaker von Katyn", in dem er beschreibt, wie die Sowjetunion und die Westmächte das Verbrechen während des Zweiten Weltkrieges verschleierten. Sein Werk leiste damit einen wichtigen Beitrag zum Verstehen der europäischen Geschichte, heißt es in der Begründung der Jury.

Zaslavsky wurde 1937 in St. Peterburg geboren. Er lehrte Soziologie in Leningrad, in den USA und an mehreren italienischen Universitäten. Zurzeit arbeitet er als Professor in Rom. In seinem Buch wertete er neu entdeckte Dokumente aus früheren sowjetischen Archiven aus. Sie zeigen, wie die stalinistische Führung das Massaker der Wehrmacht in die Schuhe schob und die westlichen Alliierten diese Lüge deckten. Erst nach dem Ende des Kalten Krieges gab Russland den Massenmord zu, unterdrückte aber jede öffentliche Debatte darüber.

Das Land Bremen und die Heinrich-Böll-Stiftung vergeben den mit 7500 Euro dotierten Hannah-Arendt-Preis seit 1995. Er erinnert an die aus Hannover stammende deutsch-jüdische Denkerin Hannah Arendt (1906-1975), die 1933 aus Deutschland fliehen musste. Bisherige Preisträger waren unter anderem die Grünen-Politiker Antje Vollmer und Daniel Cohn-Bendit, der frühere Beauftragte für die Stasi-Unterlagen Joachim Gauck und die damalige lettische Präsidentin Vaira Vike-Freiberga. Im vergangenen Jahr ging die Auszeichnung an den britischen Historiker Tony Judt. (goe/dpa)

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