Kultur : Bremsspuren

Neue Bilder des jungen Berliner Künstlers Marlon Wobst bei Schwarz Contemporary.

Annika Karpowski

Wer die Galerie Schwarz Contemporary besucht, bekommt aktuell frische, junge Malerei zu sehen. Zum zweiten Mal hat der 1980 in Wiesbaden geborene und in Berlin lebende Marlon Wobst dort eine Soloschau. Gezeigt werden sechs neue, vor Farbigkeit strotzende Großformate. Wobst, der sein Studium 2011 bei Robert Lucander in Berlin beendete und im Anschluss direkt in das Programm der Neuköllner Galerie von Anne Schwarz aufgenommen wurde, bekam jüngst den Meisterschülerpreis des Präsidenten der Universität der Künste (UdK) verliehen. Kein Wunder, stehen seine Arbeiten doch für eine Malerei, die sich so unprätentiös wie leidenschaftlich Farbe und Form widmet. Trotz des virtuosen Gestus behält er den Gegenstand im Blick.

Nicht selten macht sich Wobst selbst zum Thema seiner Bilder, immer jedoch mit einer gehörigen Portion Selbstironie. Zum Beispiel, wenn einen der Künstler eingangs unbekümmert mit heruntergelassener Hose begrüßt. Vor dem maigrünen, monochromen Hintergrund bleiben die fleischfarbenen, pastosen Pinselschwünge wie Bremsspuren auf der Fläche zurück – als hätte die Leinwand die Aktion des Porträtierten spontan gestoppt. Kopf steht hingegen der Stabhochspringer: Wobst zeigt seinen taumelnden, klapprigen Körper im Moment des Emporsteigens vor matschbrauner Fläche. Eine schwindelerregende Szene, deren Ausgang vage bleibt. Die stufenlose Komposition aus Malgrund und Figur wirkt ausbalanciert, obgleich dem Dargestellten jegliche Standfestigkeit abhandengekommen scheint.

Ungezügelte Dynamik auf völlig andere Art und Weise zeigt das Bild „Ritt“. Dabei handelt es sich um drei Abschnitte wie Filmstreifen auf gelbem Grund, die wie Leinwände auf der Leinwand funktionieren und an die Farbfeldmalerei eines Mark Rothko erinnern. Dass es keineswegs um reine Abstraktion gehen soll, wird bei genauem Hinsehen sichtbar. Dann erkennt man nämlich, dass der Reiter auf seinem galoppierenden Pferd am unteren Bildrand orange-rote Staubwolken hinterlassen hat.

Diese Lässigkeit und spielerische Freude am Umgang mit Inhalt, Form und Genre entdeckt man in allen seinen Werken. Deutlich wird das nicht nur an dem rasch ausgeführten Malgestus, sondern zugleich in der Wahl von Wobsts Motiven wie beispielsweise Cowboy, Spielkarte, Puppe, Schlitten oder Ball. Er verwandelt, verfälscht und entfremdet die Gegenstände – Anklänge an die Strategien der Surrealisten sind überdeutlich. Um Unpassendes am Ende passend zu machen, malt er manchen Bildern ein buntes Passepartout. Nonkonformität, so meint man, bleibt am besten in einem selbst gemachten Rahmen bewahrt.

Die Bilder von Marlon Wobst (Preise: 3300–5200 Euro) vermitteln eine künstlerische Haltung, die gleichzeitig Coolness und Lust am Malen zelebriert. Beschwingt stellt er Pathos und Perfektion infrage, weshalb seine Kunst so angenehm authentisch wirkt. Und genau deshalb macht diese farbmächtige und heitere Ausstellung müde gewordene Blicke wieder munter. Annika Karpowski

Schwarz Contemporary, bis 2. 3., Sanderstr. 28, Mi–Sa 11–18 Uhr

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