Brendel-Hommage im Konzerthaus : Die Geige hat ein Geheimnis

Unaufdringlich eindringlich: die beiden letzten Konzerte des großen Streichquartett-Tags im Rahmen der Brendel-Hommage im Berliner Konzerthaus.

Beethoven mit astreiner Intonation: Das Merel Quartett.
Beethoven mit astreiner Intonation: Das Merel Quartett.Foto: Marco Borggreve/Konzerthaus

Beim Streichquartett-Fest im Konzerthaus sitzen die Zuhörer auf der Bühne und schauen in den unbesetzten Saal, als sollte den von der Musik angeregten Gedanken Raum verschafft werden. Die Sitzordnung gehört zu den wunderbaren Einfällen der Veranstaltung, mit der das Konzerthaus dem Pianisten Alfred Brendel, seinen Künstlerfreunden und dem Publikum ein großes Geschenk bereitet haben.

Die letzten beiden Konzerte des fünfteiligen Marathons am Sonntag leitet der große Musiker, Lyriker und Musikschriftsteller selbst mit gelehrten und pointierten Essays ein. Auf dem Programm stehen Beethovens Quartett op. 130, das in der Originalversion mit der abschließenden „großen Fuge“ aufgeführt wird, und Franz Schuberts Streichquintett in C-Dur. Das in der Schweiz beheimatete Merel Quartett spielt Beethoven mit astreiner Intonation und einem unaufdringlich eindringlichen Verständnis, das auch berühmtere Ensembles beeindrucken müsste.

Die "große Fuge" so gestaltenreich und durchhörbar wie nie

Unter den ohnehin zurückhaltenden Naturen des Quartetts besitzt ausgerechnet die erste Geigerin Mary Ellen Woodside das diskreteste Temperament. Sie nutzt die hohen Lagen nicht zum Glänzen, sondern spielt konsequent leise, wenn ihre Stimme von einem der tieferen Instrumente verdoppelt wird. Das entspricht einer alten Kammermusikregel, die von Primarii mit nur mühsam gezügeltem solistischem Impetus allerdings selten beherzigt wird. Im Mittelteil der berühmten Cavatina erzähle sich „die erste Geige selbst ein Geheimnis“, sagt Brendel; und in Woodsides tastender Interpretation glaubt man zu verstehen, was mit der Formulierung gemeint sein könnte. Der „großen Fuge“ fehlt in dieser Aufführung die Dimension der Gewalttätigkeit, die sicherlich auch zum Stück gehört. Aber so gestaltenreich und durchhörbar gelingt der Satz fast nie.

Schuberts über alle Worte schönes Streichquintett erklingt zum Abschluss des Abends in einer Interpretation des weltweit erfolgreichen, im Habitus leicht schnöseligen Quatuor Ebène, den Part des zweiten Cellos übernimmt Brendels Sohn Adrian. Die fünf Künstler vollbringen tatsächlich in der Nuanciertheit der Phrasierung, dem gemeinsamem Atem, der Vehemenz der Attacke im dritten und den Momenten des Zeitstillstands im langsamen Satz eine musikalische Komplett-Umseglung jener Welt, deren Existenz durch Kompositionen wie Schuberts Abschiedswerk „allererst gerechtfertigt“ sei, wie Gastgeber Brendel in Abwandlung des bekannten Nietzsche-Zitats anmerkt. Ein großer Abend.

Die Hommage an Alfred Brendel läuft noch bis 7. Mai im Konzerthaus am Gendarmenmarkt.

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