Kultur : Brennen

Tian Tian Wang in der Galerie Klara Wallner

Simone ReberD

Cool bleiben, wenn es brennt. Das kann die chinesische Malerin Tian Tian Wang. Flammen schlagen aus dem Dach eines Hauses, Qualm stürmt um den Brandherd. Doch das Gebäude bleibt von der Katastrophe unberührt. Als sei das Feuer ein Naturphänomen, das vorüberzieht wie Wind und Regen. „Home with and without shadow“ heißt Tian Tian Wangs erste Berliner Einzelausstellung im Domizil von Klara Wallner. Die Galeristin war bei der Biennale in Venedig auf die 29-jährige Künstlerin aufmerksam geworden. Dort hingen ihre brennenden Häuser an den Wänden der Arsenale. Nun werden sie Klara Wallner aus den Händen gerissen: kein Wunder bei moderaten Preisen zwischen 3500 und 4400 Euro.

In ihren neuen Arbeiten beschäftigt sich die Chinesin mit den Nachwehen des Feuers, mit Qualm, Dunst, Rauch und Wolken. Die ephemeren Erscheinungen macht sie mit robusten, geraden Pinselstrichen greifbar. Selbst die violetten Schatten eines Spiegelbildes im Wasser sind pastos. Weißer Dampf, vagabundierende Wolken erweisen sich bei näherem Hinsehen als stabile Strukturen. Tian Tian Wang, 1980 in Quingdao geboren, hat an der Frankfurter Städelschule bei Hermann Nitsch und Christa Näher studiert. Neugierig sucht man nach Einflüssen der raumgreifenden Lehrer. Doch offenbar hat sie deren Aufgewühltheiten stoisch ignoriert und von der Gegensätzlichkeit der Temperamente profitiert. Seit zehn Jahren lebt die Malerin in Europa, jetzt in Berlin. Mit der aggressiv kommerziellen Kunst aus China, die zeitweise den Markt überschwemmte, haben ihre Bilder nichts gemeinsam.

Anziehend wirkt diese Malerei durch ihre Widersprüchlichkeit. Selbst ein senkrechter Atompilz wird lapidar registriert. „Home with or without shadow“: Mal liegen Schwaden über dem Zuhause, mal wabert lichter Heizungsrauch über himmelblauen Wolkenkratzern. Heimat ist bei Tian Tian Wang ein geistiges Refugium, ein wandelbarer Raum, nicht an Grenzen gebunden. Ihre Bilder locken mit Gelassenheit selbst unter düsteren Vorzeichen. Darin mag das Geheimnis ihres Erfolges liegen. Sie treffen den angespannten Stillstand zwischen Krise und Weitermachen auf den Punkt.

Eine neue Heimat hat auch Klara Wallner gefunden – nicht ohne Schatten. Nach zwei Jahren in ihren glamourösen Räumen an der Rudi- Dutschke-Straße ist sie im vergangenen Herbst in den vierten Stock eines Kreuzberger Gewerbehofs gezogen. Statt strenger Klarheit setzt die Galeristin hier auf wohnliches Ambiente. Wer die Stufen erklommen hat, der kann sich vor der Tür auf einem Sofa zwischen Grünpflanzen ausruhen. Demnächst sollen Künstler das Entrée gestalten. Am neuen Standort muss die Galeristin Signale setzen, um wahrgenommen zu werden. Doch bisher hat sich ihre Eigenwilligkeit als sichere Bank erwiesen. „Self-reflection“ heißt eines der Bilder von Tian Tian Wang. Da spiegelt sich ein rosa Haus in einem See. Es erlangt sein Gleichgewicht durch Selbstbesinnung. Erfolg oder Krise, Ruhe oder Drama. Die Bilder zeigen eine weitere Möglichkeit. Die Chance der Stille im Sturm. Simone Reber

Klara Wallner Tempelhofer Ufer 36 (1. Hof, 4. Stock); bis 27.2., Di-Sa 12-18 Uhr.

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