Kultur : Brennende Herzen

Familiäre Tauschgeschäfte: Zwei Kulturhistoriker erklären die Liebe in der Renaissance

Kia Vahland

Marietta Strozzi brauchte beim Florentiner Karneval 1464 starke Nerven. Unter ihrem Balkon hielt ein Zug mit mehreren hundert Reitern, Musikanten und Fackelträgern. Sie geleiteten einen Triumphwagen, der ein brennendes und blutendes Kunstherz trug. An der einen Seite des Gefährtes hing das Familienwappen der Strozzi, an der anderen das von Bartolomeo Benci – Mariettas Verehrer, der sich dieses Spektakel ausgedacht hatte.

Als Zeichen seiner unerfüllten Sehnsucht warfen seine Männer goldene Pfeile in die Nähe der jungen Frau, dann zerbrachen sie ihre Lanzen an den Hausmauern, um zu demonstrieren, dass all die Liebesmüh ihres Herrn am tugendhaften Widerstand der Verehrten scheitern musste. Das in Scharen herbeigeeilte Publikum johlte. Danach galt die standhafte Marietta als begehrenswerteste Frau in Florenz. Trotzdem fiel es ihr schwer, einen Mann zu finden: Ihr Großvater hatte nämlich einst aus politischen Gründen die Stadt verlassen müssen.

Arrangierte Ehen und leidenschaftliche Liebe, so erklären Ingeborg Walter und Roberto Zapperi, widersprachen sich im Italien der Renaissance. Wo Hochzeiten familiären Tauschgeschäften gleichkamen und Frauen dem Keuschheitsideal folgen mussten, flüchteten sich Verliebte in die Fantasie: in Literatur, Kunst und Schauspiele wie das Liebestheater vor Mariettas Haus.

Als wichtigste Inspirationsquelle machen die beiden Kulturhistoriker Francesco Petrarcas „Canzoniere“ aus, den viel gelesenen Sonettband aus dem 14. Jahrhundert, in dem der Dichter seine unglückliche Liebe zu Laura literarisch verarbeitet. Nach eigenen Angaben litt Petrarca jahrzehntelang unter seiner Sehnsucht nach der Frau, die so sittsam war, dass sie ihn nur ein einziges Mal anblickte. In einem fiktiven Dialog mit dem Heiligen Augustinus beschreibt er eindrücklich den Gewissenskonflikt, in den ihn sein Schreiben stürzte: Verdankte er seinen Ruhm doch nicht der Lobpreisung des Herrn, sondern dem wortreichen Bericht einer irdischen Liebe.

Die vielen aristokratischen Bewunderer, die Petrarca später um 1500 fand, wandelten seine literarische Vorlage in ein erotisches Gesellschaftsspiel ab. Vor aller Augen umwarben die Adeligen ungestraft jungfräuliche, verwitwete und sogar verheiratete Frauen ihres eigenen Standes. Manche beschäftigten gleich mehrere Lohndichter, die in Petrarcas Manier die Qualen des nicht erhörten Liebhabers schilderten. Natürlich blieb nicht jede Beziehung tatsächlich platonisch. In der öffentlichen Rede aber, auf Hoffesten und bei Gedichtlesungen, hielten sich alle an das Modell Petrarcas.

Der hatte sich angeblich ein Bildnis seiner Geliebten anfertigen lassen, das ihm die unerreichbare Schöne ersetzen sollte. Dass dies stimmt, ist unwahrscheinlich, denn zu Petrarcas Zeiten gab es noch keine Porträts irdischer Frauen. Wohl aber 150 Jahre später in der Renaissance: Von Leonardo über Sebastiano del Piombo bis Tizian fühlten sich die größten Maler herausgefordert, den Liebeskummer ihrer Auftraggeber mit Bildnissen zu lindern, die schöner sein sollten als die Angebetete selbst.

Walter und Zapperi haben minutiös recherchiert, wie das Zusammenspiel von Liebhaber und Bella Donna, Dichter und Maler im Einzelfall funktionierte. Sie stützen sich auf die Studien der letzten Jahre zur petrarkistischen Dichtung und Malerei: Während noch im mittleren 20. Jahrhundert der Neuplatonismus Marsilio Ficinos als Triebkraft der Renaissance galt, hat die jüngere Forschung erkannt, welch immense Wirkung die viel emotionalere Poesie Petrarcas ausübte. Der neue, wunderbar zu lesende Band eröffnet diese Zusammenhänge erstmals einem großen Publikum.

Ingeborg Walter / Roberto Zapperi: Das Bildnis der Geliebten. Die Wiedergeburt der Liebe in der italienischen Renaissance. C. H. Beck, München 2007. 160 S., 19,90 €.

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