Bret-Easton-Ellis-Roman "Imperial Bedrooms" : Die Null muss weg

Leben und Tod eines Debüts: „Imperial Bedrooms“ von Bret Easton Ellis

von
Multiple Persönlichkeit – oder einfach nur kaputt? Der 1964 geborene US-Schriftsteller Bret Easton Ellis. Foto: laif Foto: LAIF
Multiple Persönlichkeit – oder einfach nur kaputt? Der 1964 geborene US-Schriftsteller Bret Easton Ellis. Foto: laifFoto: LAIF

Bret Easton Ellis ist eine treue Seele. Treu zu sich als Schriftsteller, zu seinen Themen, zu seinen Figuren. Bei der Lektüre seiner Bücher hat man stets mengenweise Aha-Erlebnisse, und auch sein jüngster Roman „Imperial Bedrooms“ macht da keine Ausnahme: „Sie hatten einen Film über uns gemacht“, hebt der Erzähler an. „Der Film basierte auf einem Buch, das jemand geschrieben hatte, den wir kannten.“

War Bret Easton Ellis’ letzter Roman „Lunar Park“ von 2006 eine einzige lange Autorfiktion, mit der multiplen Schriftstellerpersönlichkeit Bret Easton Ellis als Hauptfigur, seiner Karriere und der Beziehung zu seinem Vater, so ist „Imperial Bedrooms“ jetzt die Fortsetzung seines 1985 erschienenen Debütromans „Unter Null“. Mit dem sorgte der damals 21-jährige New Yorker für Furore, begründete seinen Ruf als böser Junge der US-Gegenwartsliteratur und zementierte dieses Image ein paar Jahre später mit „American Psycho“, vermutlich bis in alle Ewigkeit.

Aus nichts anderem als Außenseiten und Oberflächen besteht die Welt der jungen, schnöseligen Yuppie-, Postpunk- und Drogenkids im Los Angeles der frühen achtziger Jahre, die Ellis in „Unter Null“ beschrieben hatte. Reibungspunkte gibt es hier höchstens in Form von Sex-Filmen, Snuff-Videos oder der realen Vergewaltigung eines 12-jährigen Mädchens durch mehrere Jungs, unter anderem Clay, der an der Ostküste studiert und seine vierwöchigen Semesterferien zu Hause bei seinen Eltern in L.A. verbringt.

Clay lernt in dieser Zeit „den Autor“ kennen, Bret Easton Ellis, so erzählt es Ellis nun in „Imperial Bedrooms“, und wird „zu dem psychisch angeknacksten Party-Boy, der durch das Chaos wandert und Fragen stellt, die keine Antworten erfordern“. Wie vor 25 Jahren kehrt Clay wieder von der Ostküste nach Los Angeles zurück, um beim Casting für einen seiner Filme mitzuhelfen: 43 Jahre alt, nach wie vor ein Freund des Alkohols und anderer Drogen, erfolgreicher Drehbuchautor. Clay erinnert sich der Vergangenheit, der sentimentalen „Unter-Null“-Verfilmung und bezeichnet sich als jemand, „der sowohl jung als auch alt ist“. Und der weiß: „Die alte Traurigkeit: Sie ist überall.“

Aber nicht nur die alte Traurigkeit, auch die Gespenster der Vergangenheit sind omnipräsent. Die alten Freunde Julian, Daniel, Rip und seine einstige Gespielin Blair, die jetzt mit Trent verheiratet ist – sie alle haben in „Imperial Bedrooms“ wie in einem kabarettistischen Nummernprogramm ihren Auftritt. Und sie alle haben irgendwie damit zu tun, dass Clay dauernd verfolgt wird oder sich verfolgt fühlt (ein blauer Jeep, mysteriöse Kurznachrichten auf seinem Handy). Schließlich verliebt Clay sich in die für Hollywood typisch schöne, typisch untalentierte Möchtergernschauspielerin Rain und verspricht ihr eine Rolle in seinem Film. Im Gegenzug verspricht sie ihm Liebe, obwohl sie auch mit Julian, Daniel und Rip zugange ist. Und so weiter und so uninteressant.

Denn so konturenarm Figuren und Geschichte sind, so öde und aus dem Stephen-King-Fertigbaukasten ist das Spiel mit Paranoia und Angst, mit Mord und Folter, mit den doppelläufigen Abhängigkeiten zwischen Clay und Rain, das Ellis hier inszeniert. Am Ende engagiert Clay ein Mädchen und einen Jungen für einen Filmdreh und hat mit ihnen brutalen Sex – im Zeichen des Mondes, des Teufels und des neongrellen „Unter-Null“-Covers, des Buchs, „das vor mehr als zwanzig Jahren über uns geschrieben worden war“. Immer wieder „Unter Null“: Ob Ellis es Freude gemacht hat, alte Zeiten zu beschwören und die alten Kaputtheiten durchzudeklinieren? Oder lautet sein neues Schreibprogramm, tapfer dem eigenen kreativen Verfall beizuwohnen, dem Verfall eines Schriftstellers, der von „Unter Null“ und „American Psycho“ immer wieder eingeholt wird?

In „Lunar Park“ hatte das mit den Referenzen an Horror- und Schauerromane, an Edgar Allan Poe und David Lynch ja noch seine Reize, gerade vor dem familiären Hintergrund, vor dem der Roman spielt. „Imperial Bedrooms“ dagegen ist nur zwanghafter Leerlauf, ohne Glam, ohne Schocker, ohne Hirn. Vielleicht sollte Ellis sich untreu werden und mal einen völlig unironischen Krimi oder Thriller schreiben. Vielleicht aber ist die Zeit über ihn und seine Prosa auch einfach hinweggegangen. „1985 – 2010“, so endet das Buch. Leben und Tod eines Debütromans. Bret Easton Ellis aber muss weiterschreiben. Bloß worüber?

Bret Easton Ellis: Imperial Bedrooms. Roman. Deutsch von Sabine Hedinger. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010.215 Seiten, 19, 90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar