Kultur : Bretter, die die Welt bedeuten

Gefährliche Brandung: Romane über das Surfen entdecken die geheimnisvolle Beziehung zwischen Pop und Natur

Bodo Mrozek

Kaum ein Sport hat die Popkultur so beeinflusst wie das Surfen. Das reicht von der Surfmusik eines Dick Dale oder Brian Wilson über Hawaii-Hemden und Bermudashorts bis hin zu Filmen wie „Apocalypse Now“, „Point Break“ und natürlich „The Endless Summer“. Das Surfen wird heute als Modeerscheinung wahrgenommen, die der Kultur ein paar bunte Farbspritzer bescherte und alle paar Jahre ein Revival feiert. Weniger bekannt ist dagegen, dass es auch eine ernst zu nehmende Surf-Literatur gibt.

Eimerweise Wasser schlucken

Dabei blickt sie auf eine lange Tradition zurück. Einer der ersten Surftexte datiert aus dem Jahre 1777. Damals berichtete der Autor begeistert über das „höchste Vergnügen“ der Ureinwohner Tahitis, die sich mit ihren Kanus über die Wellenkämme treiben ließen: der Entdecker Captain James Cook. Rund 150 Jahre später gab Jack London seinem Leser diesen Rat: „Gehe hinaus mit einem flachen Brett, sechs Fuß lang, drei Fuß breit und leicht oval in seiner Form. Lege dich darauf, wie sich ein kleiner Junge auf seinen Schlitten legt, und paddle mit deinen Händen hinaus ins tiefe Wasser, wo sich die Wogen zu heben beginnen.“ London selbst fand sich jedoch binnen Sekunden auf dem harten Strand wieder, und auch Mark Twain schluckte „eimerweise Wasser“. Nachzulesen sind diese frühen Episoden in dem Sammelband „Endloser Sommer“.

Nun spült eine neue Surf-Welle, angezeigt auch durch den opulent illustrierten amerikanischen Katalog „Surf Culture“, neue und alte Surfromane wieder in die Auslagen der Buchhandlungen. Den Helden dieser Bücher ergeht es kaum anders als ihren literaturhistorischen Vorbildern.

Surf-Literatur hat ihre eigenen Gesetze. Das Wellenreiten ist ein rite de passage, ein Übergangsritus, der Jungen zu Männern macht – und umgekehrt. Vielleicht muss man Surf-Romane deshalb als amerikanische Form des Entwicklungsromans lesen. Dies galt schon für Kem Nunns magisch-düsteren Roman „The Dogs of Winter“ (Wo Legenden sterben). Mit seinem mystisch-realistischen Naturthriller, in dem der von Alkohol und Drogen gezeichnete ehemalige Star-Fotograf Jack Fletcher noch einmal aufs Brett steigt, um einen geheimen, mythischen Surf-Spot zu fotografieren, hat sich der schreibende Surfer Nunn auch die Anerkennung der Leser auf dem Festland erschrieben. Zwischen Indianermystik und sturmgepeitschten Klippen findet der abgehalfterte Held erst seine Jugend wieder – und dann ein neues Leben. Nun kann man auch Kem Nunns beeindruckendes Debüt „Trapping the source“ in einer Neuauflage lesen. Das amerikanische Original stammt von1984, hierzulande fand der Roman aber erst 1990 unter dem Titel „Nacht über Surf-City“ ein wenig Beachtung. Neue Aufmerksamkeit soll nun die deutsche, von Herbert Schuster geringfügig überarbeitete Übersetzung unter dem Titel „Wellenjagd“ erregen.

Auch hier geht es um Initiation. Der Held des Romans ist ein tumber Tor: Ike Tucker wurde von seinen Eltern als Kind in der Wüste zurückgelassen, wo er in einem armseligen Nest im Mittleren Westen dahindämmerte. In den heißen Wüstennächten zwischen Autowracks und Motorradwerkstatt träumte er sich in ein inzestuöses Verhältnis zu seiner Schwester. Einen Ausweg aus dieser fiebrigen Trostlosigkeit bietet nur die Straße, die schnurgerade bis zur Küste führt. Dort brechen die großen Wellen, die von weither aus einer schöneren Welt kommen. Bei Huntington Beach liegt der mythische Ort Surf City, und dorthin reist Ike, um seine verschwundene Schwester zu suchen. Drei Surfer werden verdächtigt, sie entführt oder Schlimmeres mit ihr angestellt zu haben.

Der junge Hillbilly macht sich auf seinen Treck nach Westen und gerät in eine Welt, die aus ruhmreicheren Jahren der Popkultur übrig geblieben scheint. Rocker und Surfer bestellen noch immer das Feld der Ehre, das sich zwischen schäumendem Weißwasser und blinkenden Chromteilen erstreckt.

Mafia und Menschenopfer

Ike wählt das Brett. Doch so, wie es ihn anfangs immer wieder unter die Wasseroberfläche zieht, reißt ihn eine gefährlicher Sog aus Gewalt und Abhängigkeit immer tiefer in die heruntergekommene Strand-Szene. Faustkämpfe, Drogenexzesse und Orgien vor den Kameras von Hollywoods Pornomafia führen schließlich in einen Showdown mit allem, was ein B-Movie braucht: Mafia, Menschenopfer, Sex, ein finales Shoot-Out. Was diesen Roman aber trotz seines bestenfalls drittklassigen Endes bemerkenswert macht, ist die Kraft seiner Sprache. Kem Nunn taucht die Strandlandschaften in eine seltsam poetische Atmosphäre. Zerschmolzenes Mondlicht glänzt auf Klippen, in den harten Gesichtszügen seiner Männerhelden lagern violette Schatten, und die Wellentäler funkeln wie Millionen Glasscherben. Bei aller Liebe zum Wortgemälde bewahrt Kem Nunn eine eigentümlich simple Sprache, die ihn vor dem Kitsch rettet und den Leser in die spannungsreiche Geschichte reißt.

Weniger dramatisch nähert sich dagegen Daniel Duane der eigentümlichen Faszination des Lebens mit den Gezeiten. „Surf. Bretter, die die Welt bedeuten“ ist der autobiografische Bericht eines Wellenfanatikers. Der mit dem Autor und Surf-Journalisten Duane gleichnamige Ich-Erzähler unternimmt eine Art Selbstversuch. Er kündigt seinen Job und zieht in eine Hütte am Strand um nur noch das eine zu tun: Wellenreiten. In einem kleinen, wenig besuchten Surfrevier an der Küste bei San Franzisko verbringt er seine Zeit zwischen Seehunden, Krebsen, Möwen und Reihern. Und bald ist er nicht mehr allein, denn es gibt noch andere Aussteiger, die ihre Karriere gerne gegen das Gleiten durch eine Tube oder einen Turn auf dem Bug einer perfekten Welle tauschen. Der echte Surfer, so lernt man, ist weniger ein Abenteurer als ein Einsiedler. Wetterberichte und Gezeiten interpretiert er genau so wie das Donnern der Brandung oder Farbe der Dünung. Zen oder die Kunst, auf eine Welle zu warten: Die meiste Zeit liegt der Surfer auf der Lauer. Darin liegt auch die Schwierigkeit eines solchen Buches. Einmal heißt es: „Drei Stunden mit der tollsten Brandung sind einfach nur das – nichts, worüber man etwas erzählen könnte.“

Genau das tut Duane aber doch, nämlich auf 285 Seiten. Und so muss er sich helfen, indem er zwischendurch die Mythen der Surfkultur dekonstruiert, über die Geheimnisse der Brettherstellung plaudert und die großen Texte aus grauer polynesischer Surf-Urzeit zitiert.

Warten auf die große Welle

Weniger Surf-Interessierte laufen Gefahr, zwischendurch die Lust zu verlieren. Man lernt so ziemlich alles über Haiattacken, Unterströmungen, Woodies, Hot-Curls, Long- und Shortboards und die Flora und Fauna der nordamerikanischen Küste. Währenddessen wartet man mit Duane. Auf den großen Moment, der ganz selten, dann aber plötzlich doch da ist, schön, groß, perfekt und leider eben – unbeschreiblich. Das ist das mystische Arkanum des Surfens. Bestenfalls nähert man sich ihm in einer Prosa, die sich in ihren guten Momenten aufbaut wie eine Welle, dann aber kurz vor dem entscheidenden Moment am harten Strand aufschlagen muss. Wipe-out nennt man unter Surfern diesen Moment, wenn man vom Brett fällt. Dem Autor geht es da nicht anders: Er spuckt Wasser und Worte, rappelt sich wieder auf, krault nach draußen und versucht es von Neuem.

Daniel Duane: Surf oder Bretter, die die Welt bedeuten. A. d. Amerik. von Harald Riemann. Mare, Hamburg 2003. 285 Seiten, 22,90 €.

Ralf Chudoba u. Michael Zöllner (Hg.): Endloser Sommer. Ein literarischer Surftrip. Tropen-Verlag, Köln 2001. 205 Seiten, 12,80 €.

Kem Nunn: Wellenjagd. Roman. Aus dem Amerikanischen von Herbert Schuster. DuMont, Köln 2002. 360 Seiten, 22,90 €

Kem Nunn: Wo Legenden sterben. Roman. Aus dem Amerikanischen von Bernd W. Holzrichter. DuMont, Köln 2001. 393 S., 23 €.

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