Briefe an Bertolt Brecht : Die Wellen und die Flut

Botschaften aus der Verbannung: Briefe an Bertolt Brecht im Exil, gesammelt in einer mustergültigen Edition.

Paul Michael Lützeler
Denken, schauen, schreiben. Bertolt Brecht im Oktober 1947 an seinem Schreibtisch im kalifornischen Santa Monica.
Denken, schauen, schreiben. Bertolt Brecht im Oktober 1947 an seinem Schreibtisch im kalifornischen Santa Monica.Foto: picture-alliance/akg-images

Was für eine grandiose editorische und verlegerische Leistung. Das Sammeln, die Texterstellung, die Kommentierung, die Registerarbeit – all das hat Jahre geduldiger literaturwissenschaftlicher Anstrengung gekostet, und der Verlag hat ohne Aussicht auf große Gewinne wunderbar gedruckte Bände publiziert. Thomas Mann, Hermann Broch und eben Bertolt Brecht waren die drei Autoren im amerikanischen Exil, auf die ständig neue, zuweilen bedrohliche Wellen einer Korrespondenzflut zukamen. Hermann Haarmann und Christoph Hesse haben nun die Botschaften, die Brecht in der Verbannung erreichten, zusammengestellt: etwa 1600 Briefe aus 16 Jahren.

Sie ergeben, verteilt auf drei Bände, einen Umfang von 2000 Seiten. Die Erläuterungen der beiden Herausgeber zu Namen, Daten, Begriffen, Ereignissen, die in den Briefzeugnissen erwähnt werden, machen etwa ein Viertel der Gesamtedition aus, ohne sie wäre die Lektüre weniger ergiebig. In Zeiten einer eiligen Stotter-und-Kürzel-Kommunikation kommen einem die Dokumente gedanklich ungewohnt ernsthaft und stilistisch geradezu geschliffen vor. Das gilt auch und besonders für die Briefe von Elisabeth Hauptmann, die Brecht Anfang 1948 um Rat bittet in Sachen Remigration aus den USA nach Europa.

Die meisten der Nachrichten, die Brecht zugestellt erhielt, kamen von gleichgesinnten Schriftstellerkollegen wie Lion Feuchtwanger, Johannes R. Becher, Arnold Zweig, Fritz Erpenbeck und Wieland Herzfelde, doch zuweilen auch von Antagonisten wie Thomas Mann. Mann schickte Brecht, der ihm geschrieben hatte, Ende 1943 eine längere Mitteilung darüber, dass er wohl falsch über seinen Vortrag „The New Humanism“ unterrichtet worden sei: Er habe nicht behauptet, dass alle Deutschen Nationalsozialisten seien. „Nicht Deutschland oder das deutsche Volk“, schreibt ihm Thomas Mann, „sei zu vernichten“, sondern „die schuldbeladene Machtkombination von Junkern, Militär und Großindustrie, die für zwei Weltkriege die Verantwortung trage.“ Offenbar wollte der großbürgerliche Autor hier eine Position beziehen, die ihn nahe an die Vorstellungen seines Briefpartners rückte.

Von den Theaterleuten sind Erwin Piscator und Herbert Ihering zu nennen, von den Verlegern vor allem Fritz Wreede und Peter Suhrkamp, von den Gesellschaftskritikern Walter Benjamin. Einmal meldet sich auch Hannah Arendt bei Brecht: 1946 fragt sie ihn, ob er wisse, an wen sie sich wenden könne wegen der Rechte für die Edition eines von ihr geplanten Bandes mit Essays von Walter Benjamin. Unter den Musikern schrieben an Brecht nach wie vor Kurt Weill und Hanns Eisler; von den Malern blieb George Grosz mit dem Autor in Kontakt.

Der Herausgeber Hermann Haarmann schafft es in seiner 50 Seiten langen Einführung, die Dokumente den biografischen Stationen von Brechts Exil zuzuordnen, die literaturtheoretischen Diskussionen – etwa die Expressionismusdebatte – in Erinnerung zu rufen, das Festhalten Brechts am Konzept des epischen Theaters zu vergegenwärtigen und die sich ändernden Beziehungen zu den Korrespondenzpartnern verstehbar zu machen.

Es sind „Briefe aus der Verbannung“, wie man auf Deutsch Ovids „Tristia: Epistolae ex ponto“ nennt. Im Brief mischen sich zwar Sachliches und Persönliches, aber er ist unbestritten die subjektivste Form schriftlicher Kommunikation. Die persönliche Seite wird in den Exilbriefen noch verstärkt. Hier versichert man sich der Freundschaft und der Solidarität des Adressaten. Erwin Piscator etwa teilte 1939 aus dem New Yorker Exil Brecht mit, wie sehr er die früheren Gespräche vermisse und erwähnte mit keinem Wort die alte Gegnerschaft.

Piscator beschreibt seine Vereinsamung in einem New York, das so gut wie nichts mit der Kultur im Berlin der 1920er Jahre gemein habe. Es ist ein Klageton, der tatsächlich an Ovid erinnert. Bernard von Brentano schilderte im Schweizer Exil einige Jahre zuvor sarkastisch die Lage in der Sowjetunion. Die stalinistischen Prozesse hätten dazu geführt, dass die sozialistischen Parteien sich verhielten „wie dressierte Hunde, welche jede fremde Gewalt anbellen, aber vor der eigenen winseln.“

Brechts Leben im Exil, besonders in den USA, fehlten jene Erfolge, die er während der Weimarer Republik vor allem mit der „Dreigroschenoper“ in Deutschland errungen hatte. Das lag nicht zuletzt an seiner Auffassung vom epischen Theater. In Amerika hatte man es mit Schauspielern zu tun, in deren Ausbildung gerade die von Brecht bekämpfte Einfühlung wichtig war. Auch bei den Exilanten in der Sowjetunion kam Brecht mit den Vorstellungen vom epischen, das heißt auf intellektuelle Distanz gehenden Theater nicht an.

Das ist Fritz Erpenbecks Briefen zu entnehmen, der auch als Chefdramaturg der Berliner Volksbühne nach dem Krieg sich von Brecht nicht überzeugen ließ. Er blieb Anhänger des überlieferten „dramatischen“ Theaters. Nur am Zürcher Schauspielhaus hatte Brecht in den 1930er Jahren seine Vorstellungen unter dem Regisseur Leopold Lindtberg annähernd verwirklichen können. In den USA war immerhin die Aufführung des „Galileo Galilei“ mit Charles Laughton für den Dramatiker der Beweis, dass auch hier sein Konzept verwirklichbar sei.

Natürlich gab es zuweilen auch unfreundliche Korrespondenzpartner. Den Briefwechsel mit seinen Verlegern fand Brecht anstrengend. Fritz Wreede vom Theaterverlag Felix Bloch Erben wies ihn im Juni 1933 darauf hin, dass er sich nicht mehr wie früher „auf unsere Kosten ein sehr luxuriöses“ Leben gestatten könne. Das wusste Brecht auch selbst, der gleich nach dem Reichstagsbrand aus Berlin nach Prag geflohen war. In der Nachkriegszeit vertraute der Autor sein Werk dem neuen Suhrkamp Verlag an, bestand aber darauf, dass der Verleger die Erlaubnis zur Aufführung an die Brecht’sche Ästhetik binden solle: keine leichte Aufgabe. Brechts Ziel war damals „Ideologiezertrümmerung“, eine Entwertung und Auflösung nationalsozialistischer Überzeugungen. Carl Zuckmayer, dessen Stück „Des Teufels General“ außerordentlich erfolgreich war, ging ihm da nicht weit genug.

Die hier publizierten Dokumente sind Reflexe historischer Erfahrung und Imaginationen der Hoffnung auf bessere Zeiten, wie sie auch in Brechts spätem Gedicht „An die Nachgeborenen“ aufscheinen: „Gedenkt / Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht / Auch der finsteren Zeit / Der ihr entronnen seid. / Gedenkt unsrer / Mit Nachsicht.“

Hermann Haarmann und Christoph Hesse (Hrsg.): Briefe an Bertolt Brecht im Exil (1933-1949). Drei Bände. Verlag de Gruyter, Berlin 2015. 2028 Seiten, 449 €

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