Kultur : Briefe, Blätter und Billetts Ein Manuskript Gustav Mahlers ist Spitzenlos

der Autografenauktion bei J. A. Stargardt

Michael Zajonz

Das Berliner Auktionshaus und Antiquariat J. A. Stargardt erweist mit dieser Offerte der eigenen Firmengeschichte seine Referenz: Das auf Autografen spezialisierte Traditionshaus wurde 1830 als Buch- und Musikalienhandlung gegründet. Und keine andere Abteilung unter den insgesamt 1250 Positionen der für den 21. und 22. März angesetzten Auktion, die auch handgeschriebene Raritäten aus den Bereichen Literatur, Wissenschaft, Bildende Kunst, Theater, Film und Geschichte bereithält, ist so glänzend vertreten wie die Musik.

Neben zahlreichen Briefen und Billetts von Komponisten, Dirigenten, Musikern und Sängern warten Klaus und Wolfgang Mecklenburg diesmal mit etlichen von den jeweiligen Komponisten eigenhändig verfassten Musikmanuskripten auf, darunter ein Liebeslied, das Felix Mendelssohn Bartholdy 1845 der Sängerin Jenny Lind gewidmet hat (taxiert auf 16 000 Euro). Oder Gustav Mahlers mit Korrekturen übersäte frühe Niederschrift des Liedes Nr. 4 der „Kindertotenlieder“. Sie wird auf 40 000 Euro geschätzt.

Von Mahler stammt auch das Spitzenlos der Auktion: die von der Forschung bislang verschollen geglaubte Urschrift des 2. Satzes der Auferstehungssymphonie in c-Moll. Für die 26 großformatigen Notenblätter mit dem hier noch als 4. Satz konzipierten Andante con moto werden 200 000 Euro erwartet. Zu erwerben ist nichts Geringeres als ein materialisierter Wendepunkt in Mahlers Karriere. Die 2. Symphonie, 1895 in Berlin uraufgeführt, brachte den Durchbruch des 35-jährigen Dirigenten als Komponist.

Sieben Jahre hat Mahler an dieser Symphonie gearbeitet. Das Autograf überliefert eine Fassung des Andante, die als unmittelbare Vorstufe der Endfassung gilt. Komponiert hat sie Mahler im Juli 1893 in der Sommerfrische. In Steinbach am Attersee traf der Komponist seine Geschwister und die Wiener Freundin Natalie Bauer-Lechner. Ihr hat er das Manuskript überlassen.

Bauer-Lechner beschreibt in ihren Erinnerungen auch die Entstehung des Andante. Nur sieben Tage dauerte das Komponieren, denn die beiden Hauptthemen, ein gemächlicher Ländler und ein Scherzo, hatte Mahler schon während seiner Leipziger Zeit notiert. „Die zwei Blättchen, auf denen sie noch von Leipzig her standen“, so der glückliche Komponist, „taten mir immer so leid, und wie ich sehe, nicht mit Unrecht. Denn in vollem, breitem Strome ergießt sich die Melodie darin.“

Autografenauktion von J. A. Stargardt im Opernpalais, Unter den Linden 5, am 21. und 22. März ab 10 Uhr, Vorbesichtigung 20. März 10–18 Uhr.

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