Kultur : Brieftauben Stuttgart

Adib Fricke sucht bei Barbara Weiss nach Wörtern mit doppeltem R

Ulrich Clewing

Was ein Mispel ist, weiß niemand so genau. Ebenso wenig kennt man die exakte Bedeutung des Wortes Yemmels. Doch wer sich für Kunst im öffentlichen Raum interessiert und entweder sehr aufmerksam Zeitung liest oder in der Umgebung von München wohnt, dem könnte immerhin klar sein, wofür der Begriff „Quivid“ steht: für das Münchner Kunst-am-Bau-Programm nämlich, für das der Berliner Künstler und Worte-Erfinder Adib Fricke sich einen Namen ausgedacht hat, auf den außer ihm noch niemand gekommen ist.

The Word Company (TWC) heißt Frickes Firma, die es seit 1994 gibt und die ihr Gründer unter anderem auch als Dienstleistungsunternehmen verstanden wissen will. Denn dort kann man die Worte bestellen, die garantiert keinen Sinn haben, es sei denn, man gibt ihnen selber einen. Dazu muss man das „Produkt“ allerdings erst einmal bezahlen und abholen, schließlich handelt es sich dabei um ein Kunstgut wie ein Gemälde oder eine Skulptur.

Schon früher war es so, dass Adib Fricke in Alltagsbeobachtungen das beste Material für seine Wortschöpfungen fand. Nun zeigt der ehemalige Werbetexter, der immer noch gut darüber Bescheid weiß, an welchen Orten Sinn und Unsinn bevorzugt zusammentreffen, in der Galerie von Barbara Weiss einen neuen Werkkomplex. Für die zwanzigteilige Arbeit „Wörter mit doppelt r“ (als Unikat 3000 Euro) hat sich Fricke gängiger Suchmaschinen im Internet bedient und sie auf die verwendeten Schlagworte hin geprüft.

Das Resultat ist ein wunderbares Panoptikum der banalen Groteske, das den meisten Galeriebesuchern fremd und gleichzeitig seltsam vertraut erscheinen dürfte. Auf großen weißen Blättern sind die Begriffe Reihe für Reihe aufgeführt und ergeben sowohl für sich als auch untereinander weggelesen je nachdem mal komische und anrührende, aber auch abgeschmackte und komplett verrückte Kombinationen. Da finden sich in trauter Nachbarschaft ein „Seitensprung Allgäu“, ein „Haifischbecken“ und die Mitteilung „Toilettenspülung funktioniert nicht“. Ein unbekannter Nutzer interessierte sich für „Luftaufnahmen Gelsenkirchen“, ein anderer für „wie kündige ich meiner Sekretärin“, ein Dritter für „Gegenzugfurnier“ und der vierte wollte Informationen zum Themenkomplex „Geldautomaten und Abkommen".

Je länger man sich in diese Listen vertieft, desto farbiger blüht die Fantasie. Nach kurzer Zeit vollführen die Assoziationen wahre Bocksprünge: „Brieftauben Stuttgart“, „Handschellen angelegt“, „Du Schwein Beleidigung“, „Muskelmasse Aufbau“, „Etwas für jedermann“. Auf Ordnung im Satzbau sollte man nicht allzu großen Wert legen, dann erhält man Einblicke in Tragödien und auch ein wenig Lebenshilfe: „Baum wurde vergiftet vom Nachbarn heimlich“, „Zahn abgebrochen was tun“ und „Schimpfwörter für Holländer“. Fazit: Es gibt nichts, was die Menschen nicht wissen wollen. Adib Fricke bietet hieraus einen kleinen lesenswerten Ausschnitt.

Galerie Barbara Weiss, Zimmerstraße 88-89, Dienstag bis Sonnabend 11–18 Uhr, bis 7. Februar.

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