Briefwechsel Bachmann-Celan : Zwei Unerlöste auf dem Grund des Lebens

Emotionale Zerrissenheit: Der Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Paul Celan in einer mustergültig edierten Ausgabe

Michael Braun

Es ist die unheilvollste Liebesgeschichte in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts; die Geschichte zweier Liebender, die an ihrer unerfüllten Sehnsucht zerbrachen und sich dabei oft die schlimmsten Feinde waren. Was Ingeborg Bachmann und Paul Celan jenseits der subtilen poetischen Korrespondenzen innerhalb ihres Werks miteinander verband, verbarg bisher das bestgehütete Briefgeheimnis der jüngeren Literaturgeschichte. Am 16. Mai 1948 hatte die österreichische Philosophiestudentin und aufstrebende Poetin Ingeborg Bachmann den Dichter und staatenlosen Juden Paul Celan kennengelernt, der nach einer strapaziösen Flucht aus Bukarest im Dezember 1947 nach Wien gekommen war.

Was nach ihrem ersten Zusammentreffen in der Wohnung des surrealistischen Malers Edgar Jené in Wien geschah, lieferte viele Jahre lang den raunenden Orakeln der Philologie Stoff für Spekulationen. Denn der Briefwechsel des Dichterpaars war mit einer Sperrfrist bis ins Jahr 2025 belegt. Einige Bachmann- und Celan-Forscher verhängten zuletzt gar ein biografisches Deutungsverbot, wollte man doch der Maxime folgen, die Bachmann in ihren Roman „Malina“ eingeschrieben hat: „Ich möchte das Briefgeheimnis wahren, aber ich möchte auch etwas hinterlassen.“ Bereits in den vergangenen Jahren waren die Rechteinhaber der Werke Bachmanns und Celans von ihrer strikten Linie abgerückt und hatten erste Einblicke in die Hinterlassenschaften ermöglicht. Nun ist ein elementares Kernstück für die Literaturgeschichte der Nachkriegszeit vollständig freigelegt worden. Unter dem Titel „Herzzeit“, der das erste Wort aus einem Widmungsgedicht an Ingeborg Bachmann aufnimmt, liegt der komplette Briefwechsel zwischen beiden in einer mustergültig kommentierten Ausgabe vor, ergänzt um die Korrespondenz Celans mit Max Frisch und um die Briefe, die sich die Liebes-Rivalinnen Bachmann und Gisèle Celan-Lestrange (Celans Ehefrau) geschrieben haben.

Was man auch immer gegen die Veröffentlichung und Kommentierung so intimer Briefe vorbringen kann: Es handelt sich um ein dramatisches, tief erschütterndes Lebenszeugnis, das keinen Leser unberührt lässt. Wohl gegenüber keinem anderen Briefpartner haben sich die beiden Autoren in ihrer emotionalen Zerrissenheit und Schutzlosigkeit so preisgegeben.

Es sind in ihrer Mehrzahl verzweifelte Briefe, ein ständiges Flehen um Aufmerksamkeit und Zuwendung, das in fataler Regelmäßigkeit enttäuscht wird. Zwei Unerlöste wissen um die Heillosigkeit ihrer Liebe und hoffen doch auf ein Zeichen der existenziellen Verbundenheit, das sie aus ihrer Isolation herausführt. Das Liebespaar, das sich nach wenigen Wochen des Glücks trennen muss, als Celan im Juli 1948 in seine neue Wahlheimat Paris reist, war sich seiner Randposition im geschichtsvergessenen Literaturbetrieb sehr bewusst. Mit Celan, dessen Eltern von den Nazis in Konzentrationslagern in der Ukraine ermordet worden waren, teilte Bachmann, die Tochter eines ehemaligen NSDAP-Mitglieds, die Überzeugung, dass moderne Dichtung ohne die poetische Referenz auf die Vernichtungsgeschichte des Holocaust nicht mehr möglich ist. Als nach 1959 die haltlosen Plagiatsvorwürfe Claire Golls und die dadurch losgetretene Pressekampagne Celan zusetzen, springt ihm Bachmann zur Seite und weist die infamen Attacken öffentlich zurück. Ausgangspunkt war eine Rezension Günter Blöckers im Tagespiegel, die Celan in einem Leserbrief zurückwies. Zu diesem Zeitpunkt ist ihre Liebesbeziehung längst gescheitert.

Bereits im September 1950 war Bachmann nach einem Nervenkollaps zusammengebrochen. Aus ihren Briefen dieser Zeit spricht eine unfassbare Geduld, Nachsicht und Leidensbereitschaft, die sich gegenüber dem schweigenden Geliebten bis zur Selbstdemütigung steigern kann. „Ich bin verloren, verzweifelt und verbittert“, schreibt sie an Celan in diesen Monaten der großen Krise – und hält trotz aller Zurückweisungen an ihrer Leidenschaft fest. Ihre Briefe dokumentieren das grausame Exerzitium gegenseitiger Zermürbung: „ich bedaure dich, weil Du, um eine Enttäuschung zu verwinden, den anderen, der Dir diese Enttäuschung gebracht hat, so sehr vor Dir und den anderen zerstören musst.“

Celan seinerseits schwankt zwischen euphorischen Liebesbekundungen und tiefem Misstrauen. Mit dem Gedicht „In Ägypten“, das den neuen Liebesbund in einer Reflexion auf den Tod jüdischer Frauen spiegelt, hatte er im Juni 1948 den Briefwechsel eröffnet. Solche Innigkeit bringt er später nur noch einmal auf, in den Monaten nach der Wiederaufnahme der Liebesbeziehung im Oktober 1957. Seine „Liebste Ingeborg“, der er fünf Jahre zuvor in aller Härte das „unrettbar Verlorene“ ihrer Liebe erklärt hatte, überschüttet er nun mit anrührenden Liebesgedichten und pathetischen Bekenntnissen: „Du bist der Lebensgrund, auch deshalb, weil du die Rechtfertigung meines Sprechens bist und bleibst.“

Die Goll-Affäre aber belastet die neuerliche „Herzzeit“ des unglücklichen Paars. Als sich Bachmann im Sommer 1958 in Max Frisch verliebt, ist das der Auftakt zur endgültigen Vergiftung allen Vertrauens. Den Weg der gegenseitigen Zerstörung will Ingeborg Bachmann im Februar 1960 nicht mehr mitgehen. In einem nicht abgeschickten Brief resümiert sie die tiefen Verletzungen, die ihr Celan zugefügt hat – es waren Wunden, die nie mehr verheilten. In ihrer Erzählung „Drei Wege zum See“ (1972) hat Bachmann ein Jahrzehnt später in verschlüsselter Form das Ausweglose ihrer „großen Liebe“ festgehalten. Ihr weiterer Lebensweg bis hin zu ihrem tödlichen Brandunfall im September 1973 wird hier auf unheimliche Weise antizipiert. Der Geliebte, heißt es da, habe als „ein wirklich Exilierter und Verlorener“ auch seine Geliebte „in eine Exilierte“ verwandelt, „weil er sie, erst nach seinem Tod, langsam mit sich zog in den Untergang“.

Ingeborg Bachmann – Paul Celan: Der Briefwechsel. Mit den Briefwechseln zwischen Paul Celan und Max Frisch sowie zwischen Ingeborg Bachmann und Gisèle Celan-Lestrange. Hrsg. u. kommentiert v. Bertrand Badiou, Hans Höller, Andrea Stoll u. Barbara Wiedemann. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2008, 400 S., 24,80 €.

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