Briefwechsel Bernhard-Unseld : Narziss und Goldesel

Autoren-Ego trifft Verleger-Geduld: Der furiose Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und Siegfried Unseld.

Gerrit Bartels
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Weder Ignoranten noch Wahnsinnige. Suhrkamp-Verleger Unseld (Mitte) und sein Autor Thomas Bernhard. Foto: Isolde Ohlbaum

Am 24. November 1988 gibt Siegfried Unseld auf. „Ich kann nicht mehr“, schreibt er in einem Telegramm an Thomas Bernhard, „für mich ist eine Schmerzgrenze nicht nur erreicht, sie ist überschritten.“ Bernhard hatte Unseld kurz zuvor informiert, im Salzburger Residenz Verlag ein weiteres Mal ein Buch veröffentlichen zu wollen, die Prosarbeit „In der Höhe, Rettungsversuch, Unsinn“. Obwohl er und Unseld sich gerade erst darüber einig geworden waren, dass die Rechte an den fünf bislang im Residenz Verlag veröffentlichen autobiografischen Büchern von Bernhard an Suhrkamp fallen sollten.

Bernhards Antwort fällt kühl aus: „Dann streichen sie mich aus ihrem Verlag und ihrem Gedächtnis. Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die sie jemals gehabt haben.“

Es ist dies, kurz vor Bernhards Tod am 12. Februar 1989, das überraschende und bezeichnende Ende eines nun in Buchform vorliegenden und knapp über 500 Korrespondenzen zählenden Briefwechsels, den Siegfried Unseld und der österreichische Autor Thomas Bernhard zwischen 1961 und 1988 geführt haben. Überraschend, weil beide einiges gemeinsam ausgestanden hatten und gerade in den letzten Jahren größtenteils respektvoll und zartfühlend miteinander umgegangen waren. Überraschend auch, weil Bernhard todkrank war – und Unseld ohnehin um dessen Unberechenbarkeit wusste. Bezeichnend ist dieser letzte Schlagabtausch, weil es natürlich ein lustiger Euphemismus von Bernhard ist, sich einen unkomplizierten Autor zu nennen. Nach über 800 Seiten Briefwechsel weiß man: Das Gegenteil ist der Fall.

Auch Unselds Kapitulation sieht man da in einem anderen Licht. Fast drei Jahrzehnte lang hatte Unseld bewiesen, dass er nachsichtig und nachgiebig war. Zudem besaß er die Nerven, anstrengendste Gespräche mit Bernhard durchzustehen, wenn sie per Brief nicht weiterkamen. Wäre Thomas Bernhard eine längere Lebenszeit beschieden gewesen, Siegfried Unseld hätte bestimmt weiter gekonnt.

Dass es schwer werden würde, muss Unseld früh klar gewesen sein. Schon im ersten Brief, den Bernhard 1961 mit einem Prosa-Manuskript an den Suhrkamp Verlag schickt, heißt es: „Ich kenne Sie nicht, nur ein paar Leute, die sie kennen. Aber ich gehe den Alleingang.“ Der Verlag lehnt den Roman jedoch ab, und die Beziehung wird erst enger, als Suhrkamp 1963 den Insel Verlag übernimmt. Bei Insel wurde Bernhards Debütroman „Frost“ veröffentlicht, hier erscheint 1964 seine Erzählung „Amras“.

Es folgt eine Korrespondenz, die etwas von einem Bernhard-Drama hat, komödiantische Elementen inklusive. Sie enthält zahlreiche Details über geplante Veröffentlichungen: Bernhard ist ein produktiver Autor. Vor allem aber geht es um Geld. Immer wieder muss Unseld auf Geldforderungen reagieren, immer wieder entwirft er für Bernhard neue Finanzierungspläne. „Der Anfang meiner Beziehung zu Unseld war eine Forderung gewesen, um nicht sagen zu müssen, eine Erpressung meinerseits“, erinnert sich Bernhard später in einer Geburtstagsschrift für Unseld. Und jener fragt des öfteren flehentlich: „Wann werden wir aus unserer Korrespondenz und Beziehung die leidige Geldangelegenheit eliminieren?“ Und schickt schon mal zwei Briefe zugleich los: einen, in dem er Bernhard aufmuntert, und einen, der nur Finanzielles zum Inhalt hat. Manchmal versucht er auch, Bernhard ins Gewissen zu reden, und erörtert Grundsätzliches: „Ich kann die ökonomische Basis des Verlages nicht vernachlässigen. Ich will es auch gar nicht. Mir muss es darauf ankommen, das Schiff in guter Fahrt halten zu können. Dies, damit wir die Bücher machen, auf die es uns ankommt.“

Bernhard jedoch ist unerbittlich. Er fordert, droht, verweigert Unterschriften. Er braucht Geld für den Kauf eines Hofes in Ohlsdorf, Anfang der siebziger Jahre legt er sich zwei weitere Häuser zu, ein Autonarr ist er zudem. Gleichzeitig jammert er, dass er „nicht einmal die Lohnhöhe meines Nachbarn, der als Hilfsarbeiter in der Schottergrube arbeitet“, erreicht. Thomas Bernhard scheint sich durch sein unablässiges Fordern, Drohen und Schuldenmachen seine kreative Energie zu erhalten, erfreut er sich doch einmal auch an der „wunderbaren Spannung“ zwischen Unseld und ihm.

Diese Spannung vermittelt sich – trotz der für den Leser oft ermüdenden finanziellen Verhandlungen, die selbst den in diesen Dingen beschlagenen Bernhard zuweilen überfordern: „Mir ist nicht alles klar, aber, wenn es Ihnen klar gewesen ist, will ich das Ganze akzeptieren.“ So prallt hier ein ausgeprägtes Autoren-Ego auf ein wendiges, hartnäckiges Verleger-Ego, und dieser Zusammenprall liest sich wie die Blaupause anderer schwieriger Schriftsteller-Verleger-Verhältnisse.

Hier der beleidigte Bernhard, der die mangelnden Verkäufe etwa seines Romans „Verstörung“ beklagt. Dort Unseld, der Ruhe und Geduld anmahnt, der die literarische Anerkennung hervorhebt, der nur in Ausnahmefällen unwirsch wird: „Wenn sie nur einmal das Klagen wegen der ‚Verstörung‘ lassen könnten.“ Hier der noch beleidigtere Bernhard, der 1985 über die „Schamlosigkeit“ schimpft, „mit der sie dieses schauerliche Walserbuch in die Höhe gestemmt haben“ – gemeint ist „Brandung“ – „während sie für meine ,Alten Meister‘ fast nichts getan haben“. Und dort der ausgleichende Verleger, der seine narzisstischen Autoren bei Essen und Empfängen zusammenzubringen versucht; der etwa Peter Handke sanft abmahnt, als dieser Bernhard als „unliterarisch“ beschimpft: „Thomas Bernhard hat es schwer genug, mit sich und der Umwelt. Ich möchte nicht, dass Freundschaften zerbrechen.“

Unseld hält sich daran, wiewohl er und Bernhard sich siezen und Bernhard gern und oft die höhnische Anrede „Doktor Unseld“ verwendet. Zum Bruch lassen sie es nie kommen. Wenn es hart auf hart geht, treffen sie sich: in der Klettenbergstraße, auf Flughäfen, in Salzburg, bei Bernhard zu Hause. Diese Gespräche hält Unseld in seinen Reiseberichten fest – was ihm in diesem Band Bernhard gegenüber einen Vorteil verschafft, den dieser nur durch typische Thomas-Bernhard-Sätze ausgleichen kann.  „Eine Krankheit, die einen ins Bett geworfen hat, ersetzt dicke Lebenswälzer.“

Die Reiseberichte sind es aber auch, in denen sich Unseld einmal mehr als die brillante, vorausschauende und langmütige Verlegerpersönlichkeit erweist, die er auch gegenüber Wolfgang Koeppen gewesen ist. Wie Bernhard forderte dieser viel Geld, war aber literarisch höchst unproduktiv. Davon legt der 2005 veröffentlichte und sich wie ein Roman lesende Briefwechsel zwischen Koeppen und Unseld beredtes Zeugnis ab.

Mag Siegfried Unselds Sicht die maßgeblichere sein: Der Briefwechsel ist auch eine fabelhafte Bernhard-Werkgeschichte, die alle Turbulenzen und Skandale in dessen Schriftstellerleben miterzählt, vom Eklat bei der Entgegennahme des Kleinen Österreichischen Staatspreises 1968 über den „Notlichtskandal“ bei der Uraufführung von „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ 1972 bei den Salzburger Festspielen bis zur Beschlagnahme von „Holzfällen“ 1984 und der Aufregung um „Heldenplatz“ im Jahr 1988.

Unseld hat sich in diesen Fällen nie eine Blöße gegeben. Treu hielt er zu Bernhard und trieb ihm manche Verbocktheit aus, was sich dann auch finanziell für ihn und den Verlag rechnete. Thomas Bernhard stellte zwar bis zuletzt hohe Geldforderungen – seine Guthabenstände wurden jedoch von Jahr zu Jahr höher. Bis heute dürfte er einer der zuverlässigsten Ertragsbringer des Suhrkamp Verlags sein.

Thomas Bernhard/Siegfried Unseld: Der Briefwechsel. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/ Main 2009. 869 S., 39, 80 €

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