Kultur : Brigitte Schlieben-Lange: Zum Tode der Romanistin

Jürgen Trabant

Die Romanistin Brigitte Schlieben-Lange, Nachfolgerin ihres Lehrers Eugenio Coseriu auf dem Tübinger Lehrstuhl für romanische Sprachwissenschaft, ist kurz vor ihrem 57. Geburtstag in Frankfurt gestorben. Das akademische Deutschland hat eine seiner bedeutendsten Frauen verloren. Begonnen hat sie ihre glänzende wissenschaftliche Karriere mit soziolinguistischen Untersuchungen der "kleinen" romanischen Schwester-Sprachen Katalanisch und Okzitanisch, eine frühe Liebe, zu der sie immer wieder zurückgekehrt ist. Jenseits der Romanistik ist sie aber vor allem durch ihre beiden Einführungen in die Soziolinguistik und in die Pragmatik bekannt geworden, mit denen sie in den siebziger Jahren zur Überwindung oder Ausweitung der "Systemlinguistik" beitrug, zu der sie allerdings durch ihre Studien zur Semantik ein bedeutendes Wort zu sagen hatte.

Der jakobinische Kultusminister

Sie hat aber nicht nur durch die pragmatische und soziolinguistische Erweiterung moderne theoretische Errungenschaften in die historische Perspektive der romanischen Sprachwissenschaft eingebracht, sie hat überhaupt die traditionellen Grenzen der Sprachwissenschaft überschritten: hin zu einer philosophisch instrumentierten Geschichte von Wissens-Systemen. Den Kern ihres weit ausgreifenden und umfangreichen wissenschaftlichen Werkes - sie war eine der produktivsten Geisteswissenschaftlerinnen der letzten dreißig Jahre - machen dabei gewiss ihre Arbeiten zu sprachlichen, sprachpolitischen und epistemologischen Problemen der Französischen Revolution aus. Bahnbrechend war ihr Aufsatz über die Sprachpolitik des Abbé Grégoire, des jakobinischen "Kultusministers", den sie 1976 in der damals ganz jungen Zeitschrift "lendemains" veröffentlichte. Von dort führt der Weg über ihr Hauptwerk "Traditionen des Sprechens" (1983) zu ihrem letzten, auf französisch geschriebenen Buch "Idéologie, révolution et uniformité de la langue" (1996). Dieses Buch ist die Summe eines von ihr geleiteten Forschungsprojekts zu den "Idéologues", jener Gruppe von aufgeklärten Philosophen und Wissenschaftlern, die die Revolution initiiert und fortgesetzt haben.

Was sie bei diesen Forschung zur Französischen Revolution zutiefst bewegt hat, war nicht nur die vergangene französische Situation, sondern vielmehr eine grundsätzliche Problematik der modernen Menschheitsentwicklung überhaupt, nämlich der Gegensatz zwischen einer politischen und geistigen Entwicklung im Sinne der universalen Aufklärung einerseits und einer sprachlichen und kulturellen Situation, die durch Diversität und "Rückständigkeit" - also Tradition, Heimat, lokale Identität, Nähe - gekennzeichnet ist: Die Bevölkerung Frankreichs sprach zur Zeit der Revolution acht verschiedene Sprachen (sie tut das teilweise immer noch), ganz abgesehen von den Dialekten des Französischen selbst, und nicht das kultivierte Französisch der Elite, und sie war weitgehend analphabetisch, bäurisch, christlich, "unaufgeklärt", weit entfernt vom rationalen Raffinement der "philosophes" in Paris.

Die besondere Stimme

Wie sollen da Demokratie und Aufklärung Verbreitung finden, woher soll die res publica mündige Bürger, citoyens, nehmen, wenn diese sprachlich und geistig überhaupt nicht dazu befähigt sind? Wie versöhnt man die beiden legitimen kulturellen Ansprüche, den Anspruch auf Fortschritt und Bildung (das heißt Schreiben und Lesen) und den Anspruch auf kulturelle und sprachliche Verschiedenartigkeit (und damit auf die eigene, besondere Stimme)? Der Streit zwischen Universalität (Katholizität) der Vernunft und Partikularität der Herkunft wird verschärft durch den Gegensatz von Schriftlichkeit und Mündlichkeit.

Gleichzeitige Bewunderung für das generöse und fortschrittliche Licht der Aufklärung und Sympathie für die Wärme der Tradition sind der Kern und das Motiv des wissenschaftlichen Werks von Brigitte Schlieben-Lange. Die Versöhnung von Fortschritt und Tradition scheint auch das Movens ihres Lebens gewesen zu sein, mit allen Problemen und Konflikten, die dieser Gegensatz gerade für eine Frau mit sich bringt. Sie hat ebenso intensiv ihre wissenschaftliche Karriere gemeistert - sehr jung war sie Lehrstuhlinhaberin in Frankfurt, später in Tübingen, sie war Dekanin, Vorsitzende der einschlägigen Berufsverbände, Mitherausgeberin der Zeitschrift für Linguistik und Literaturwissenschaft, Mitglied der Heidelberger Akademie, Gastprofessorin in Brasilien und den USA usw. - wie sie sich ihrer großen Familie, ihren Freunden und ihren Schülern gewidmet hat: Licht und Wärme. Ein bewundernswertes Leben ist viel zu früh zu Ende gegangen.

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