Kultur : Brigitte steht auf dem Balkon

ELFI KREIS

Die erste Ausstellung von Gabriele und Helmuth Nothhelfer wurde 1974 im Berliner Bali Kino gezeigt. Ein Plakat von damals hängt jetzt in ihrer Jubiläumsschau in der Kunststiftung Poll. Wer dort aus dem Fenster blickt, kann 25 Jahre später erneut das Wort "Kino" lesen. Nun aber sind es die Buchstaben einer documenta-Installation des Österreichers Peter Friedl, die signalrot vom nahen Flachdach herüberleuchten.

Auch die Schwarzweißaufnahmen der Nothhelfers waren auf einer frühen Documenta, der documenta 6 von 1977, zu sehen. Einzelausstellungen zeigten das Folkwang Museum Essen (1980) und das Rheinische Landesmuseum Bonn (1993). Auf wichtigen Übersichtsausstellungen waren sie vertreten, zuletzt 1997 bei "Deutsche Fotografie, Macht eines Mediums" in der Bonner Bundeskunsthalle. Ausstellungen in ihrer Heimatstadt Berlin hingegen sind so handverlesen wie die wenigen Fotoabzüge, die pro Jahr Aufnahme in ihr Werkverzeichnis finden. Bereits sieben Jahre liegt ihre letzte Einzelschau in Berlin zurück.

Von der 1974 entstandenen Aufnahme "Vater und Sohn auf der Industrieausstellung unter dem Funkturm" bis zu "Mutter und Tochter auf dem Sommerfest der SPD" und "Eröffnung der Schaustelle Berlin", den beiden letzten Bildern aus dem Jahr 1998: Der künstlerischen Konzeption ihrer Porträts folgt das Fotografenehepaar konsequent seit zweieinhalb Jahrzehnten (jeweils 12 Abzüge; Preise 1900 bis 4700 Mark). Sie fotografieren auf der Straße, bei Festen, an Feiertagen. Doch könnte man ihre Momentaufnahmen und Schnappschüsse auch für inszenierte Studioaufnahmen halten. Stets ist der Bildaufbau präzise komponiert: Aus Zufallsbegegnungen formieren sich Gruppen, die dem Bild formal Struktur geben und deren Beziehungsfäden es mit latenter Spannung inhaltlich aufladen. Das Wesentlichste aber sind die Gesichter, in denen sich Erwartungen, Hoffnungen, enttäuschte Wünsche und Sehnsüchte spiegeln.

Die Nothhelfers sind den verborgenen, vielschichtigen und oft widersprüchlichen Emotionen hinter dem demonstrativ zur Schau getragenen Amüsierwillen auf der Spur. Sie zeigen Momente, in denen sich Masken plötzlich als solche zu erkennen geben. Sie interessiert die Vielschichtigkeit einer Situation, die Gleichzeitigkeit verschiedenster Facetten einer Persönlichkeit. Dabei arbeiten die Nothhelfers mit denkbar einfachen Mitteln. Ihre Langzeitserie "Brigitte auf ihrem Balkon, Berlin-Lichterfelde" (1983 bis 1998) zeigt dies besonders deutlich. Das Dunkel des Zimmers im Hintergrund, lenkt nichts ab von der beredten Sprache des Gesichts und der Körperhaltung.

Galerie in der Musikschule/Kunststiftung Poll, Gipsstraße 3, bis 10. Juli; Dienstag bis Freitag 15 - 18 Uhr, Sonnabend 12 - 18 Uhr.

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