Kultur : Bring die Parkbank ins Haus

Florian Slotawa schafft temporäre Skulpturen. Das Haus am Waldsee stellt er mit Booten und Betonfüßen voll

Nicola Kuhn

Kunst kann durchaus therapeutische Qualitäten haben. Häufig genug hilft sie, die kranke Seele eines Künstlers zu heilen. Kunst als Therapeutikum für ganze Institutionen ist allerdings eine Novität. Nun hat sich das Haus am Waldsee, seit Februar unter der neuen Leitung von Katja Blomberg, mutig diese Medizin verschrieben und Florian Slotawa eingeladen. Der 33-jährige Bildhauer ist bekannt für seine Stapelarbeiten aus eigenem Hausrat und dem Mobiliar von Ausstellungshäusern. Dem durch finanzielle Engpässe mit seinem ambitionierten Programm ins Schlingern geratenen Institut hat er erwartungsgemäß eine Radikalkur verschrieben: Das Ganze wird auf den Kopf gestellt, neu geordnet und gesichtet, um am Ende mit neuer Standfestigkeit auf den Füßen zu landen.

Seit Wochen wird in der Zehlendorfer Villa, die seit fast sechzig Jahren als Kunstamt dient, geräumt und geschafft. Doch nicht im Haus selbst, wie bislang bei Slotawas Interventionen, sondern im idyllischen Garten, der weit hinunter bis zum Namen gebenden Waldsee reicht. „Land gewinnen“ nennt der Künstler seine Aktion, die ihren Abschluss mit der Vernissage am Donnerstag findet. Bis dahin will er das komplette Freilichttheater mit seinen 800 Sitzplätzen, diverse Außenskulpturen sowie das gesamte Gartenmobiliar von der Parkbank bis zum ausrangierten Ruderboot des ehemaligen Direktors Thomas Kempas ins Haus befördert haben. Noch werden die 350 Betonfüße und 450 grünlich-gammeligen Plastikbretter des einstigen Parktheaters in ein Zelt vor der Terrasse geschafft, von wo sie gereinigt und nach Größe geordnet in den Gartensaal auf eine große Plastikplane gelangen. „Ich will einfach aufräumen und damit neue Entscheidungen provozieren,“ so Slotawa.

Dem in Kniebundhose und Karohemd zwischen all den Stapeln auf und ab laufenden Künstler ist die Nervosität angesichts eines solchen Großmanövers anzusehen. Am zentimeterkleinen Modell des Ausstellungshauses hatte er bereits alles durchgespielt: in welchen Saal Francis Zeischeggs als Holzstapel getarnte Hütte stehen sollte, in der gewöhnlich Förster auf Wilderer lauern, oder wo Maria Eichhorns Nistkasten seinen Platz finden würde. Allerdings machten ihm die Statik und sein Münchner Hochschullehrer Olaf Metzel einen Strich durch die Rechnung. Die fünf Meter hohe Granitsäule von Gerhard Trieb ist für den Altbauboden des Hauses zu schwer. Und Ziehvater Metzel verbat sich, seine Skulptur „Turbo-Kapitalismus“ in Slotawas Installation integrieren zu lassen.

Also alles anders. Der gebürtige Rosenheimer, der in seinem Werk die klassischen Prinzipien der Bildhauerei – das Modulieren, die Raum-Körper-Synthese – verwirklicht sieht, beugt sich noch einmal zum Puppenstuben-Haus am Waldsee herab und baut alles um. Zwischen Daumen und Zeigefinger nimmt er die 27 Tonnen Beton, hier aus Pappmaché, und schiebt sie ins Entree. Gleich um die Ecke stellt er die mit einem Küchengummi zusammengehaltenen, ansonsten meterlangen Zuschauerbänke. Und auf einmal wird da etwas sichtbar: eine Zumutung gewiss, denn hier ist alles Plunder, ob Kunst oder der marode Beton, an dem bereits ein Slotawa-Sammler Interesse bekundet hat. Aber in dieser Nivellierung aller Ordnung, der Überführung in ein neues Wertesystem steckt eine anarchische Kraft: die Schönheit des bloßen Gegenstands, der all seiner Funktionen enthoben ist.

Katja Blomberg spricht deshalb auch von einer „Geste der Läuterung“, die Slotawa hier vollziehe. Alteingesessene Zehlendorfer werden das vermutlich anders sehen, denn der rigorose Abbau des heruntergekommenen Freilichttheaters ist ihnen noch ein Sakrileg. „Es geht ums Loslassen“, sagt die frühere FAZ-Kritikerin, die mit klarem Konzept an den Start gegangen ist. Sie macht mit ihrem Programm aus der Not eine Tugend. Dem seit Sommer 2004 halbprivatisierten Haus stehen jährlich 152000 Euro für Betriebskosten und Gehälter zur Verfügung. Für alles andere, also das Wichtigste, die Ausstellungen, muss die Kuratorin selbst die Gelder besorgen, was ihr mit 35000 Euro in den ersten fünf Monaten achtbar gelungen ist. Zum Glück gehört Berlin längst zu den Hauptstädten der internationalen Kunst. Man muss die Stars nur aus Prenzlauer Berg und Friedrichshain in den Südwesten Berlins bewegen, was die Produktionskosten niedrig, aber das Ausstellungsniveau auf Höhe hält.

Auch Florian Slotawa reist gegenwärtig Tag für Tag aus Friedrichshain an. Vor fünf Jahren wechselte er von München nach Berlin, auf der Suche nach billigem Wohnraum, in dem er das Procedere seiner Stapelkunst in den eigenen vier Wänden durchspielen konnte. Dem bereitete allerdings 2002 ein Düsseldorfer Sammler ein „befreiendes“ Ende, wie Slotawa heute sagt, indem er seinen vollständigen Hausstand erwarb. Der befindet sich nun mit Inventarliste in 18 Umzugskartons und darf nie mehr öffentlich ausgestellt werden, so will es der Vertrag zwischen Künstler und Sammler. „Das war wie ein Häutungsprozess,“ erklärt Slotawa, der von allen Stücken als Teil des Konzeptes Fotos machte.

Trotzdem variiert der Bayer in Berlin, der in seiner Heimat der eigenen Vermutung nach zum Holzbildhauer geworden wäre, noch immer sein Repertoire. Auf eindrucksvolle Weise, wie die Ausstellung „Warum!“ 2003 im Berliner Martin-Gropius-Bau erwies. Dort schuf er aus Waschmaschine, Holztisch, Spüle glaubwürdig eine Verkündigung mit Muttergottes als Ikearegal und dem Heiligen Geist in Form einer geöffneten Kühlschranktür. Letztlich stellt Slotawa einfache Fragen: Womit umgeben wir uns? Was wollen wir sein? Das Haus am Waldsee dürfte nach der Ausstellung „Land gewinnen“ damit ein gutes Stück weiter gekommen sein.

Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, bis 9. Oktober; täglich 10 bis 18 Uhr.

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