Britische Deutschland-Ausstellung in Berlin : Deutschland - Aber wo ist es?

Willkommensgruß für Neil MacGregor, den britischen Intendanten des Humboldt-Forums: Der Martin-Gropius-Bau holt die Schau „Erinnerungen einer Nation“ nach Berlin.

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Dieer Surfanzug diente einem Fluchtversuch von Ost nach West im November 1987.
Dieer Surfanzug diente einem Fluchtversuch von Ost nach West im November 1987.Fotos: Deutsches Historisches Museum

Zu den Haupteigenschaften der Deutschen werden Fleiß, Gemütlichkeit und Pünktlichkeit gezählt. Außerdem trinken sie gerne Bier. Prototypische Deutsche sind Ingenieure, Untertanen, Forscher, Abenteurer. So weit das Klischee. Vielleicht stimmt aber dies: Am liebsten beschäftigen sich Deutsche mit sich selbst.

Die Ausstellung „Deutschland – Erinnerungen einer Nation“ stammt aus London, wo sie 2014/15 rund 114 000 Besucher gefunden hat. Deutschen Medien gefiel, dass ihr Land dort „ganz anders“ („FAZ“) präsentiert wurde, cool, nicht mehr kriegerisch und endlich aus dem Schatten des Nationalsozialismus herausgetreten. Initiiert worden war das Projekt vom Museumsdirektor Neil MacGregor, der über einige Ausstellungsstücke eine BBC-Hörfunkserie produzierte und ein Buch schrieb, das in Großbritannien wie in Deutschland zum Bestseller wurde. MacGregor lebt inzwischen in Berlin, er leitet als Intendant das im Aufbau befindliche Humboldt-Forum.

Mehr Kutsche als Limousine

Man kann es also auch als leicht verspätetes Willkommensgeschenk verstehen, dass die Deutschland-Ausstellung nun unter der Überschrift „Der britische Blick“ im Martin-Gropius-Bau zu sehen ist. Aufgeboten werden wie bereits in London rund 200 Exponate, allerdings sind 50 davon ausgetauscht worden, weil sie aus konservatorischen Gründen nicht wieder ausgeliehen werden konnten. Das macht aber nichts, denn die Ausstellungsdramaturgie hat sich dadurch nicht verändert. Die meisten Stücke besitzen eher illustrativen Charakter, sie fungieren als Teil einer fortlaufenden Erzählung.

Zunächst erscheint der britische Blick gar nicht so fremd, vieles ist vertraut. Deutsche Ingenieurskunst wird vertreten vom Patent-Motorwagen Nr. I, 1885 entwickelt von Carl Benz und noch eher Kutsche als Limousine. Für den Forscherdrang stehen ein staunenswertes astronomisches Instrument von 1596, das Geräte zur Zeitmessung enthält, aber auch der Weimarer Universalgelehrte Goethe mit seiner Farblehre.

Zis is ze cool Germany
Demonstrations-Plakat, Berlin, Deutschland, 1989.Weitere Bilder anzeigen
1 von 18Foto: © Deutsches Historisches Museum
17.10.2014 12:12Demonstrations-Plakat "Wir sind ein Volk", Berlin, Deutschland, 1989.

Deutsche – zurück zum Klischee – sind ewige Romantiker, am liebsten träumen sie in freier Natur, wie sie Caspar David Friedrich mit seinem „Fichtendickicht im Schnee“ und Carl Gustav Carus mit den „Dreisteinen im Riesengebirge“ gemalt haben. Darüber prangt ein Goethezitat aus den Tagen nationaler Selbst(er)findung: „Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden.“

Die Antwort: Es steht in einer Vitrine, die einen wachsgolden schimmernden Bernsteinhumpen enthält, entstanden Mitte des 17. Jahrhunderts in Königsberg. „Deutsche und Engländer sind große Biertrinker, das verbindet uns“, sagt Barrie Cook, der sowohl die Londoner als auch die Berliner Ausstellung kuratierte. In Deutschland hat der Durst zuletzt jedoch nachgelassen.

Kant blieb in Königsberg

Königsberg und Ostpreußen gehören nicht mehr zum deutschen Territorium, kommen aber trotzdem in der Schau vor, die sechshundert Jahre zurückgreift. Genauso wie Kafkas Prag, Straßburg oder das Basel des dort gestorbenen Erasmus von Rotterdam. Selbstverständlich ist eine Ausgabe von Kants „Critik der practischen Vernunft“ zu sehen, gedruckt 1788 in Riga. Der Philosoph hat Königsberg und Umgebung niemals verlassen, das heutige deutsche Staatsgebiet nicht betreten. Deutschland, wo liegt es?

Einmal waren die Deutschen, man mag es kaum glauben, das glücklichste Volk der Welt. Die Ausstellung beginnt mit dem Euphoriemoment des 9. Novembers 1989, als mit dem Mauerfall der Kalte Krieg endete und eine neue Normalität begann. Zwei schwarz-rot-goldene Flaggen hängen nebeneinander, die eine zerschlissen und von einem zerzausten Bundesadler bedeckt auf einer Radierung von Georg Baselitz, die andere bunt und zukunftsfroh als landkartenartiges Papptransparent von einer Demonstration im Berliner Lustgarten. Die Parole lautet „Wir sind ein Volk“, und Berlin ist mit einem Herzen markiert. Die Ouvertüre setzt einen optimistischen Ton, herzig strahlend klingt die Grundmelodie der „Erinnerungen einer Nation“ auch weiterhin

"Fichtendickicht im Schnee" von Caspar David Friedrich
"Fichtendickicht im Schnee" von Caspar David FriedrichFoto:Gropius-Bau

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