Britischer Sonntag : Am siebten Tage sollst du shoppen

Bis 1994 war der britische Sonntag ein toter Sonntag, sogar Museen hatten geschlossen. Heute haben allein die Pubs eine Sperrstunde. Wie lange noch?

Susanne Kippenberger

Karel Mapek hat England geliebt. Für den tschechischen Schriftsteller gab es kein romantischeres Land: die gewaltigen Bäume, die charmanten Parks, die Ledersessel im Club der Gentlemen, die Gentlemen daselbst, die Freiheit, jeden Rasen zu betreten (die für ihn die politische Freiheit begründete), die verrückten Kaninchen – sechs Tag lang war der Schriftsteller amüsiert und fasziniert von diesem, wie er fand, sanften, exotischen Land. Am siebten Tage hat er England gehasst.

Denn am siebten Tag kam der englische Sonntag über ihn. Zusammen mit dem Regen. In Exeter, erklärte Mapek später seinen Landsleuten, war der Sonntag so heilig, dass selbst die Kirchen geschlossen hatten. Zu essen gab’s zähes Rindfleisch, dazu finsteres Bier, so warm wie die Kartoffeln kalt. „Die Leute sagen, der Sonntag sei da, damit man in die Natur fahren könne“, schrieb der Schriftsteller nach seiner Reise im Jahre 1924. „Das ist nicht wahr. Die Menschen fahren, von wilder Panik gepackt, ins Freie, um sich vor dem englischen Sonntag zu retten.“ Dieser Tag, „an dem niemand kocht, reist, guckt oder denkt“, war für Mapek Furcht erregend, grauenvoll, gloomy.

Wie erst die Einheimischen litten unter diesem düsteren Tag, vor allem die Großstädter unter ihnen. „Melancholische Straßen im Büßergewand von Ruß tauchten die Seelen der Menschen, die dazu verdammt waren, aus den Fenstern auf sie niederzusehen, in finstere Verzweiflung,“ heißt es in Charles Dickens’ Roman „Little Dorrit“ von 1855. „In jeder Straße, fast in jedem Gässchen und fast an jeder Ecke hörte man eine traurige Glocke schwingen, läuten, klingen, als ob die Pest in der Stadt wäre und die Totenkarren die Runde machten.“

100 Jahre später ging es nicht viel fröhlicher zu. „Gott, wie ich die Sonntage hasse!“, klagt Jimmy am Anfang von „Look Back in Anger“, dem Theaterstück aus der Ära der zornigen jungen Männer. Wie gelähmt sitzt Jimmy mit seinem Freund Cliff zwischen Bergen zerlesener Zeitungen, während seine Frau Alison am Bügelbrett steht. „Immer dasselbe Ritual. Zeitung lesen, Tee trinken, bügeln.“ Als Cliff den deprimierten Jimmy zum Trost in den Pub einladen will, erinnert sein Freund ihn: „Der ist doch noch gar nicht offen. Es ist Sonntag. Vergessen?“

„Look Back in Anger“ wurde 1957 uraufgeführt – als Pubs nur stundenweise öffnen durften –, und zwar am Royal Court Theatre in London. Am Sonntag allerdings konnte man Jimmy dort nicht klagen hören. Denn am Sonntag war selbst in London alles zu, Theater, Museen, Restaurants – noch in den 70er Jahren hatten Touristen Mühe, etwas Anständiges zu essen zu bekommen, wurden oft nur in Hotels fündig. Zuweilen kam man sich vor wie in Dickens’ 19. Jahrhundert: „Alles, was möglicherweise einem von der Arbeit ermüdeten Volke Erholung bieten konnte“, heißt es in „Little Dorrit“, „war verschlossen und versperrt. Schöne Bilder, alle Tiere, fremdartige Pflanzen und Blumen, alle natürlichen oder künstlichen Wunder der alten Welt … Nichts zu sehen als Straßen, Straßen, Straßen. Nichts zu atmen als Straßen, Straßen, Straßen.“ Keine Abwechslung, keine Erbauung, kein Erbarmen. In England war der Sonntag mehr als ein Tag der Ruhe, zu dem Kaiser Konstantin ihn im Jahre 321 offiziell erklärt hatte – er war ein Tag der Friedhofsruhe. Denn die Puritaner, angeführt von Oliver Cromwell, hatten so ziemlich alles verboten, was Spaß machte, Singen, Tanzen, ja, sogar Spazierengehen.

Der Tscheche Karel Mapek war so verzweifelt, dass er eines finsteren Sonntags die Oxford Street herunterlief, gen Osten, nur um seiner Heimat ein wenig näher zu sein. Wenn er das heute täte: Er käme gar nicht vom Fleck. Denn am Sonntagnachmittag ist die Oxford Street verstopft von Menschenmassen mit ihren Einkaufstüten, die in die allgegenwärtigen Coffeeshops drängen (welcher Engländer trinkt denn heute noch Tee?!) und hinterher ins Kino oder den Club.

Elf Jahre ist es her, dass der„Independent“ den „Tod des britischen Sonntags“ verkündete. Das war ein paar Monate, nachdem der „Sunday Trading Act“ nach Jahren des politischen Kämpfens endlich verabschiedet worden war – Maggie Thatcher war mit ihrem Gesetzesentwurf 1986 noch gescheitert. Am 26. 8. 1994 durften die Läden zum ersten Mal sechs Stunden öffnen. Und die Briten stürzten sich in die Geschäfte, als hätten sie Jahrhunderte lang nichts zu essen gekriegt.

Für Ann Pfeiffer war es weniger ein Tod als eine Geburt. Als Geisterstadt hat sie Coventry, die Stadt ihrer Kindheit, in Erinnerung. Kein Ort, an den sie gehen konnte. Also blieb sie als Teenager meist in ihrem Zimmer oder wanderte mit dem Hund über die Hügel. Eine nationale Leidenschaft, die, ähnlich wie das Zeitung lesen und Kreuzworträtselraten, das Gärtnern und Picknicken – auch – durch den englischen Sonntag zu erklären ist. Was sollte man sonst tun? Einem gemächlichen Cricket-Match zuschauen? Aufregenderes gab’s nicht. Fußballspiele waren in den 60er Jahren noch verboten.

Heute wohnt die 42-Jährige in Londons buntem East End, das berühmt ist für seine Märkte, Galerien und indischen Lokale. Und sie ist glücklich: Sie hat das Gefühl, einen zusätzlichen Tag geschenkt bekommen zu haben. Ein zweiter Samstag ist der Sonntag für sie, an dem sie all das machen kann, wozu sie sonst nicht kommt: Freunde treffen, Sport treiben, ins Museum und ins Kino gehen, einkaufen. Wie viele ihrer Generation, die das sonntägliche Eingesperrtsein in der Familie als klaustrophobisch erlebt hat, empfindet sie die Liberalisierung des Sonntags als Befreiungsschlag.

Vom moralischen Rigorismus zum Hedonismus – die britische Gesellschaft hat seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs einen beispiellosen Wandel vollzogen. Und nie kann man ihn anschaulicher erleben als am Sonntag. Es ist ein Wandel von der britischen Kolonialmacht zur multikulturellen Gesellschaft, auch von der Klassengesellschaft zu einer, in der zumindest theoretisch allen alles offen steht. Denn unter der bleiernen Langeweile des düsteren Sonntags haben vor allem die Arbeiter gelitten. Die Aristokraten konnten sich auch so vergnügen, ihre Freunde übers Wochenende ins Landhaus zum Feiern einladen.

Das Land, in dem Marx und Engels sich zu Hause fühlten, ist heute dem Konsumrausch verfallen. Shoppen gilt als das schönste Sonntagsvergnügen. Was auch bedeutet, dass viele sich nicht mehr vergnügen können, weil sie an der Kasse sitzen oder hinter der Theke stehen. Aber es gibt nur wenige, die dagegen protestieren; die „Keep Sunday Special Campaign“, eine Gruppe, die sich 1985 gründete, klingt so leise, dass kaum einer sie erhört. Denn seit Maggie Thatcher wird die 24-Stunden-Gesellschaft nach amerikanischem Vorbild als Ideal angestrebt: Rund um die Uhr, sieben Tage die Woche soll alles allen offen stehen.

So wird heute in dem Land, in dem die Gewerkschaften einmal fast mächtiger als die Regierung waren, mehr geackert als in fast jedem anderen europäischen Land: Ein Drittel der Briten verbringt mehr als 48 Stunde die Woche am Arbeitsplatz. So lustig ist das nicht. Glaubt man einer Umfrage, die diese Woche veröffentlicht wurde, hat das Gelächter in den letzten 50 Jahren um zwei Drittel abgenommen: In den 50er Jahren hätten die Briten im Schnitt 18 Minuten täglich gelacht, heute nur noch sechs.

Sonntag, welcher Sonntag denn? Adrian Mole, Hauptfigur einer Romanserie von Sue Townsend, verkörpert seit Jahrzehnten den jeweiligen Zeitgeist Großbritanniens. Im Band über „Die Cappuccino-Jahre“ fragt er seinen Sohn am Sonntagmorgen, ob er eigentlich wisse, was „Sabbat“ bedeutet. Na, sagt der Teenager, das sei doch so eine Oldie-Band. Nein, nein, meint der Vater, nicht Black Sabbath, er rede von dem Tag, an dem Gott sich von der Erschaffung der Welt erholen wollte. Mhm, antwortet Glenn, Gott hatten sie noch nicht in der Schule. Nur Hinduismus, Buddhismus, Islam und so.

Gut möglich, dass in Glenns Klasse auch mehr Mohammedaner und Hindus als Anglikaner sind. Und warum sollte ein Mohammedaner einen christlichen Feiertag heiligen? Wenn nicht mal die Christen selbst es tun. Die Kirchen in England sind leer – wenn sie denn überhaupt noch als Gotteshaus dienen und nicht längst in Eigenheime, Discos oder Luxusrestaurants verwandelt wurden. Dann sind sie mit Sicherheit voll.

Wer am Sonntagnachmittag in eine funktionierende Kirche zum „Evensong“ geht, einem gesungenen Gottesdienst, der kann schon mal erleben, dass der Chor größer als die versammelte Gemeinde ist. Die Mitglieder der Church of England sind zur Minderheit im eigenen Land geschrumpft, die Staatskirche zur politischen Bedeutungslosigkeit verdammt. Zwischen 1970 und 1995, so der Soziologe Andrew Rosen, verlor die Kirche 40 Prozent ihrer Mitglieder. Eine Million Anglikaner geht heute noch sonntags in die Kirche. Allein die Supermarktkette Sainsbury’s zählt mehr Besucher.

Aus lauter Verzweiflung greift die Church of England inzwischen zu drastischen Maßnahmen. Bei ihrem „Back to Church Sunday“ überreichte sie den Gottesdienstbesuchern Wundertüten mit Schokoriegeln. Die Diözese von Manchester, die zur „gottlosesten“ im Lande ernannt wurde, verschickte 70 000 persönliche Einladungen zum Gottesdienst.

Dabei kann die traditionelle Church of England gar nichts dafür, dass der englische Sonntag so lähmend langweilig war, wurde sie doch als mildere Form der katholischen Kirche gegründet, um Henry VIII. ein fröhliches Leben zu erlauben. Nein, schuld waren die Abtrünnigen, die puritanischen Protestanten.

Der Kirchgang ist verschwunden, der Braten danach hat überlebt. „Sunday lunch“ ist, neben dem Lesen der Zeitung (die immer dicker und bunter wird) und dem Basteln an Haus und Garten eine der wenigen Tradition, die bis heute gepflegt wird. Und sie erscheint heute kostbarer denn je: Für viele Familien ist es inzwischen die einzige Mahlzeit der Woche, zu der sich alle gemeinsam an einen Tisch setzen. An den anderen Tagen macht jeder seins. In England sind die Ernährungsgewohnheiten heute fast so finster wie der Sonntag mal war. Zumindest, da ist sie wieder, die Klassengesellschaft, in bestimmten Schichten. Hier werden Fertigprodukte und junk food in rauen Mengen verspeist, die Fettsucht, gerade bei Kindern und Jugendlichen, hat fast amerikanische Ausmaße erreicht.

Das Tranchieren wie das Braten des Bratens überlassen viele Briten inzwischen allerdings lieber den Profis. Es gibt schon Gastropubs, die ausdrücklich keinen „Sunday lunch“ anbieten, sondern „Lunch on Sunday“: um all jene abzuschrecken, die sich, selber zu faul zum Kochen, unter „Futtern wie bei Muttern“ riesige Fleischberge zu niedrigen Preisen vorstellen.

Vor 20 Jahren wäre kaum jemand auf die Idee gekommen, den Sonntagsbraten im Pub zu verspeisen. Außer Essigchips gab’s dort meist nur flüssige Kost, höchstens noch Lasagne aus der Mikrowelle mit Pommes dazu. Heute zeichnet der „Observer“ die Lokale mit dem besten Sunday lunch aus. In diesem Jahr kam der Crooked Billet, ein Pub aus dem 17. Jahrhundert in Henley-on-Thames, auf den ersten Platz. Unter der Woche kocht Paul Clerehugh „moderner, europäischer“, wie er es nennt: Koriander-und-Chili-Krabbentörtchen mit Kokosnuss-Limetten-Dressing, Salat mit Radicchio, Feigen und Parmesan, belgische Schokoladenmousse. Aber am Sonntag, weiß der 42-Jährige, braucht er seinen Gästen damit nicht zu kommen. Von 200 Leuten bestellen dann 100 das, was es schon immer sonntagmittags gab: Roastbeef mit Yorkshire Pudding, Röstkartoffeln, Gemüse und scharfem Coleman’s Senf.

Britischer geht’s nicht. Als wolle man doch noch einmal, nicht im Zorn, eher mit Wehmut vielleicht, einen Blick zurück werfen auf eine Zeit, als Großbritannien noch seinen Namen verdiente. In ihrer Kindheit, erinnert sich Patricia Clough in ihrem Buch über die englische Küche, zelebrierte der Vater das Tranchieren des Bratens als Show (es war schließlich die einzige, die es sonntags gab), als patriarchalisches Ritual – „ein Relikt des großen Pomps, der diese Majestät unter den englischen Speisen durch die Jahrhunderte hindurch begleitete.“

Einigen wird schon beim Gedanken daran schlecht: denen, die vom Sonntag gar nichts mehr mitkriegen, weil sie ihren Rausch ausschlafen. „Binge drinking“ nennt man das Kampftrinken, das Großbritannien inzwischen ebenso wie die Fettsucht plagt. Neu ist das heftige Saufen am Samstagabend nicht. Alan Sillitoe hat es 1958 äußerst drastisch beschrieben. Samstagabend, so heißt es zu Beginn des Romans „Saturday Night and Sunday Morning“, explodierten die angestauten Leidenschaften, Samstagabend war „ein gewaltsames Vorspiel zu einem niederschmetternden Sonntag“. Heute hängen viele, darunter immer mehr Mädchen, schon am Nachmittag in den Straßen und übergeben sich. Dann geht’s wieder rein in den Pub. In kürzester Zeit schüttet man in sich rein, was man kann, denn die Uhr läuft. Um kurz vor elf klingelt das Glöckchen, „last orders“.

20 Millarden Pfund kostet die Kultur des „binge drinkings“ das Land, hat eine Studie der Regierung im Jahr 2003 vorgerechnet. Jeder dritte Mann, jede fünfte Frau sei nicht in der Lage, vernünftig zu trinken. Immer mehr Städte klagen über Gewalt infolge des exzessiven Saufens. Weswegen auch immer mehr Leute für die völlige Abschaffung der Sperrstunde plädieren. Dabei unterscheidet der Sonntag sich kaum noch von jedem anderen Tag: nur dass der Pub eine Stunde später als üblich, um zwölf aufmacht, und eine halbe Stunde früher als sonst, um halb elf schließt.

Dieses Kampftrinken spielt sich vor allem in den Städten ab. Denn auch das kann man am Sonntag erleben: die Verwandlung Großbritanniens von einer ländlichen in eine urbane Gesellschaft. Die großen Läden und Supermärkte (und sie sind es vor allem, die sonntags öffnen und profitieren, was auch zum Sterben kleiner Geschäfte geführt hat) liegen nicht auf dem Dorf. Wer dort lebt, hat noch das alte Sonntagsgefühl. Oft stellen Züge und Busse an diesem Tag einfach den Verkehr ein. Wer am Sonntag wirklich einen Tag der Ruhe erleben will, der flieht vor dem neuen Sonntag, seiner Hektik und seinem Krach hierher.

Als der Schauspieler Christoph Waltz, in Wien geboren und heute in London zu Hause, gefragt wurde, warum er im Ausland lebt, hatte er eine einfache Antwort parat: „Ladenschluss. Ich finde: jeder, wie er kann, nicht wie er darf.“ Was ihm dort besser gefalle? „Kein Ladenschluss. Niemand, der die Menschen vor offenen Läden schützen will.“ Und was er vermisse? „Ladenschluss. Manchmal sollte man auch Ruhe geben.“

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