Kultur : Britney Spears: Die Gang-Göre als Pop-Fräuleinwunder

Jost Kaiser

Ja, was machen denn die Sanitäter auf der Bühne, obwohl es noch gar nicht richtig angefangen hat? Fallen die 13-jährigen Mädchen in der ersten Reihe etwa schon in Ohnmacht, bevor das Konzert überhaupt angefangen hat? Nein, das genaue Gegenteil ist der Fall: Entzückung macht sich breit, eine silberne Kugel senkt sich sacht vom Bühnenhimmel herab. Es donnert, es blitzt, es bebt.

Und als sich schließlich die Kugel öffnet und ihr das neueste Produkt des globalen Pop-Fräuleinwunders entsteigt, machen die Männer mit den komischen Rotkreuzkostümen seltsame Verrenkungen und entpuppen sich als Teil der sechzehnköpfigen Tanztruppe, mit der die Popsängerin Britney Spears den Rest des Sonntagabends im Berliner Velodrom von einem zum anderen Ende der Bühne hetzen wird.

Was ist nicht alles geschrieben worden über dieses schmächtige, blonde Mädchen mit den Kulleraugen: "weibliches Phänomen des neuen Jahrtausends", "Queen of Teen Pop". Oder aber: Britney als "reaktionäres Rollenmodell", Britney als Rückkehr Amerikas ins "Glücksversprechen der fünfziger Jahre" und Totengräberin von Madonnas schillerndem Pop-Post-Feminismus. Kein Begriff schien zu groß, keine Theorie zu abwegig - negativ oder positiv - um den neuen größten weiblichen Popstar der Welt zu bedichten. Britney Spears-Spitze von was auch immer. Und doch hat man das Gefühl, hier werde mit Kanonen auf Spatzen geschossen.

Männer unterm Kleid der Sängerin

Der Spatz hetzt unentwegt von einem Bühnenende zum anderen und ist ununterbrochen dabei die Garderobe zu wechseln: Mal ist es ein blauer strassbesetzter Hosenanzug, mal ist es ein weißes mit einer Federboa besetztes Kleid, mit einer Schleppe, die so lang ist, dass sei die gesamte Peter-Frankenfeld-Showtreppe bedeckt.

Im Laufe des Abends wird eines klar. Um Britney Spears zu sein, muss man vor allem folgende Qualitäten haben: keimfrei, Bauchnabelfrei, schwindelfrei. Einmal wird Britney von Stahlwinden in die Höhe gehievt. Und da hüpfen plötzlich aus dem Kleid, das sich bei der Himmelfahrt der Blondine wie ein Zelt aufrichtet, ihre männlichen Tänzer hervor. Wow! Das ist jetzt wohl das doppeldeutige, sexuell-anspielige der Pop-Queen, die ja neben anderem, das ist wohl seit den Spice Girls so, ein bisschen Girlie sein muss. Ansonsten wird dieser Teil der Show dadurch abgedeckt, dass Britney sich ab und zu in den Schritt fasst und ständig den Michael Jackson-Kiekser von sich gibt, wie der insgesamt asexuelle Gesamthabitus insgesamt an Jacko erinnert. Da hilft es auch nichts, dass Britney sich mitunter um eine Metallstange schlängelt, wie man sie aus amerikanischen Go-Go-Bars kennt, und sich manchmal, ganz politically uncorrect, von ihren Tänzern begrabschen lässt.

Die Show will Musical und Fernsehquiz in einem sein: Mal kommt Britney als Revuestar im 50er Jahre Stil daher, dann folgt ein West-Side-Story-Remake mit Britney als abgerissener Gang-Göre. Es gibt zwei Arten von Britney Spears Songs: mittelschnelle, die regelmässig als Leistungsschau aktueller Choreografie dienen und bei denen Britney die stimmliche Herausforderung, wenn man das so nennen kann, trotz Dauergehopse erstaunlich gut meistert, und kitschige Balladen.

Dann sitzt die Sängerin alleine auf der Showtreppe. Einsames Mädchen! Bühnennebel wabert aus den Nebelkanonen und die Musik aus den Boxen. Seltsamerweise liegt Britney gerade hier manchmal gesanglich neben der Spur, obwohl das turnerische Element wegfällt. Geht da irgendwas nicht mit rechten Dingen zu? Das ist ungefähr so egal wie überhaupt die Frage nach dem Wesen von Britneys Musik. Es gibt nämlich nicht nur zwei Arten von Spears-Songs, es gibt einfach zu wenige. Und weil die drei wirklichen Britney-Hits "Baby one more time", "Born to make you happy" und "Ooops" über den gesamten, gut einstündigen Abend verteilt werden müssen, kommt ein wenig Langeweile auf. Vielleicht war die Erwartungshaltung einfach zu groß: Der globale neue Teenie-Star hat nicht die erwartete Massen-Hysterie ausgelöst, die Sanitäter verlebten einen insgesamt ruhigen Abend. Und als man nach gut einer Stunde die Betonschüssel verlässt, kosten die Britney-Riesenposter nur noch zwanzig Mark. Vor dem Konzert war es noch das Doppelte.

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