Kultur : Brot und Butter

Was fünf Jahre Wowereit und Schmitz der Haupstadtkultur gebracht haben

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Wer in Berlin schon länger mit Kulturpolitik zu tun hat, kommt sich manchmal vor wie ein Kriegsveteran. Was wurde hier einst um Geld, Institutionen, Organisationsformen und Hierarchien gekämpft! Davon ist kaum mehr etwas zu spüren. Auch wenn Quantität nicht mit Qualität zu verwechseln ist – die Stadt erlebt eine kulturelle Blüte, die noch etliche Jahre anhalten kann. Der Anteil des Regierenden Bürgermeisters und Kultursenators Klaus Wowereit und seines Kulturstaatssekretärs André Schmitz an dieser Entwicklung ist zugleich größer und kleiner, als man denkt.

Ein halbes Jahrzehnt war Kultur Chefsache. Das hat ihr gutgetan, jedenfalls nicht geschadet, wie zunächst befürchtet. Der Kulturetat wuchs moderat. Aber die eigentliche Nachricht ist, dass das Budget – bei der bescheidenen Finanzlage der Hauptstadt – nicht schrumpfte. Die Opernstiftung, früher ein heißer Kampfplatz, hat sich eingespielt. Große Häuser wie die Volksbühne und das Deutsche Theater wurden saniert, die Baumaßnahmen der Lindenoper sind im Gang. Bei Personalien hatten Wowereit und Schmitz eine ruhige Hand, und das gilt für ihre Arbeit generell: Sie haben Sicherheit geschaffen und die Kulturpolitik in einem bislang unbekannten Maß befriedet, so dass es manchmal schon wieder langweilig wird.

Auf dieser Grundlage hat sich das ungeheure Potenzial Berlins stürmisch entwickelt. Dabei hatten die Kulturpolitiker im Senat mehr Glück als Visionen. Pragmatismus war in dieser Situation schon das Richtige. Als Wowereit sich mit der Idee einer Kunsthalle aus dem Alltagsgeschäft herauswagte, wurde er abgewiesen, von seiner SPD ebenso wie von der Kunstszene. Für diese Pleite gibt es eine einfache, wenn auch nicht rationale Erklärung: König Klaus sollte einmal eine Klatsche kriegen. Es ging mehr um Stilfragen als um die Sache. Was wäre gegen eine vielleicht sogar architektonisch gelungene Kunsthalle am Humboldthafen ernsthaft einzuwenden? Bei der Nutzung des stillgelegten Flughafens Tempelhof ist Wowereit dann wieder obenauf. Das Gelände zieht die Kreativwirtschaft an, von der Modemesse „Bread and Butter“ bis zur „Berlin Music Week“. Das Projekt der Metropolenbibliothek in Tempelhof besitzt Strahlkraft, es verbindet sich mit der von Schmitz geförderten kulturellen Bildung.

Bei der Kunsthallen-Farce zeigte sich auch etwas anderes: das Selbstbewusstsein der Kulturschaffenden. Man kann von der Politik vieles, aber nicht alles erwarten. Man darf ihren Einfluss nicht überschätzen, sie ist kein Allheilmittel. Ulrich Khuon, der Intendant des Deutschen Theaters, sagte kürzlich bei einer Debatte im Radialsystem, die Institutionen hätten dazugelernt. Jammern gehört nicht mehr zum Handwerk, es bringt nichts. Die Öffentlichkeit hat das Interesse an kulturpolitischen Diskursen, die sich nur um (mehr) Geld drehen, gründlich verloren, und die Geduld auch. Ein Haus wie das Radialsystem, das gerade seinen fünften Geburtstag feierte, steht für die neue Art zu denken. Der Senat mag helfen, aber man kann mit privater Initiative in Berlin Fantastisches erreichen. Die langen Schlangen vor dem Berghain sind zum Symbol eines Berlin-Tourismus geworden, den Wowereit für sich als Erfolg verbucht.

„Arm, aber sexy“ war ein blöder Spruch. Aber er hat funktioniert. Weil Berlin reich ist: an offenen Räumen, Geschichte, Chancen, Versprechen. Berlin lebt den erweiterten Kulturbegriff , die große soziale Skulptur, von der Joseph Beuys träumte. Dazu gehören die Penner auf der Warschauer Brücke, die mit Bierflaschen ausgerüsteten spanischen Easyjet-Flieger, westdeutsche Schulklassen, Straßenmusiker, Mediaspree-Angestellte, EisbärenFans, Revaler Clubber und Menschen, die einfach hier wohnen und arbeiten.

Es ist überall das Gleiche, ob in New York, London oder Berlin. Erst kommen die Künstler, dann die Investoren. C/O Berlin im Postfuhramt ist das beste Beispiel, auch wenn nun eine Lösung gefunden ist (siehe Artikel oben). In Berlin geht die Angst um, dass die Mieten explodieren, kulturelle Räume verschwinden und die Gentrifizierung, die sich der künstlerischen Vorboten bedient, bis Kreuzberg, Friedrichshain und Lichtenberg durchschlägt. Darum muss sich der neue Senat kümmern. Der Lebensnerv der Stadt ist doppelt getroffen: Eine verträgliche Wohnungspolitik hilft auch der Kultur.

Die Idee, künftig Kultur und Stadtentwicklung zu einem Super-Ressort zu machen, klingt im ersten Moment überzeugend. Aber auch Kultur und Wissenschaft sind eine viel versprechende Paarung, wenn man die geeignete Persönlichkeit findet und der Ressortzuschnitt keine eigenständige Kulturverwaltung zulässt. Den Kultursenator will Wowereit nach einem Wahlsieg nicht mehr geben.

Was in jenen fünf Jahren nicht erreicht wurde, was schmerzlich fehlte, ist nur zu Teilen Wowereit und Schmitz anzulasten. Bei einem nationalen Projekt wie dem Humboldt-Forum hat der Bund das Sagen – und er sagt nicht viel. Auf der Bundesebene wiederholt sich der kulturpolitische Pragmatismus des Berliner Senats auf vergröberte Weise. Kulturstaatsminister Bernd Neumann ist ein Politiker, der Kurs halten und Geld beschaffen kann. Mit eigenen Ideen ist er nicht aufgefallen. Und Bundeskanzlerin Merkel interessiert sich nur für die Staatsoper. In Washington, Paris und Edinburgh gibt es neue Museen und Foren mit globaler Ausrichtung, während beim Humboldt-Forum von zu vielen beteiligten Institutionen um Fläche gerungen wird – hinter einer historisierenden Fassade, die schlechte Kompromisse erzwingt und die Fantasie lahmlegt. Berlin droht da den internationalen Anschluss zu verpassen.

Der Bund und Berlin können weit mehr auf kulturellem Gebiet zusammenarbeiten, als es bisher der Fall ist. Es geht nicht nur ums Finanzielle. Die Choreografin Sasha Waltz zum Beispiel sucht für ihre Compagnie eine große Spielstätte in der Hauptstadt. Das frisch renovierte Haus der Berliner Festspiele, eine Bundeseinrichtung, bietet sich dafür an – von Januar bis Mai und im Sommer, wenn das Festspielhaus meist leer steht.

Ein schönes Symbol: Berlin ist, wie man so sagt, gut aufgestellt. Jetzt müssen die Verhältnisse zum Tanzen gebracht werden. Aber vielleicht wird man aus der historischen Distanz auch so einmal sagen: Das waren die goldenen zehner Jahre.

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