Kultur : Brot und Gehorsam

Von Denis Scheck

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Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht einmal monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“.

Zum Thema Tagesspiegel Online: Literatur Spezial
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10) Christopher Clark: Preußen (Deutsch von Richard Barth, Norbert Juraschitz und Thomas Pfeiffer, Deutsche Verlags-Anstalt, 896 S., 39,95 €)

Der australische Historiker Christopher Clark besitzt den manchmal so notwendigen Blick von außen auf Glanz und Gloria, Aufstieg und Niedergang Preußens. Zudem schreibt Clark einen farbigen Stil und ringt den Stoffmassen seines fast 400 Jahre umfassenden Erzählraums einen furiosen Reigen so treffender biografischer Porträts und sprechender Anekdoten ab, dass sein Buch mit jedem deutschen Pass ausgehändigt werden sollte. Am Ende weiß man, dass Preußen nur insofern das Verderben Deutschlands genannt werden kann, als Deutschland eben auch das Verderben Preußens war.

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9) Thomas Buergenthal: Ein Glückskind (Deutsch von Susanne Röckel, S. Fischer Verlag 272 Seiten, 19,90 €)

Die Schilderung einer Kindheit unter der schwarzen Sonne des Holocausts: die Lebens- und Leidensgeschichte des 1934 geborenen Tommy Buergenthal, der das Ghetto von Kielce und die Konzentrationslager Birkenau und Sachsenhausen übersteht, hält nicht nur die notwendige Erinnerung an das grausamste Kapitel deutscher Geschichte wach. Sehr eindringlich fällt die Darstellung aus, wie Buergenthal, inzwischen amerikanischer Richter am Internationalen Gerichtshof in Den Haag, mit seinem Wunsch nach Rache an den deutschen Tätern umgeht: ein Buch, das einer individuellen Biografie eine universale Weisheit abringt.

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8) Petra Gerster: Reifeprüfung (Rowohlt Berlin, 228 Seiten, 19,90 €)

Auch wenn die Aufmachung nicht darauf hindeutet: Dies ist nicht bloß eine weitere buchgewordene Nebentätigkeit einer Fernsehnase. Petra Gerster hat ein gedankenreiches Buch über die Folgen des Alterns für Frauen in einer jugendfixierten Gesellschaft geschrieben. Zusammen mit dem ganz und gar exzeptionellen Essay „Älter werden“ von Silvia Bovenschen schützt die Lektüre besser als jede Faltencreme vor dem, was wirklich hässlich macht: der Dummheit.

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7) Eva Maria Zurhorst: Liebe dich selbst und es ist egal wen du heiratest (Arkana, 384 Seiten, 384 Seiten, 19,90 €)

6) Sabine Asgodom: Lebe wild und unersättlich (Kösel, 191 Seiten, 14,95 €)

Sabine Asgodom gibt Tipps für die weibliche Selbstermächtigung zum Glücklichsein, Eva Maria Zurhorst für die Arbeit an Beziehungen. Niemand wird etwas gegen die Ziele dieser Ratgeber einwenden können. Dass der Inhalt dieser Werke aber so deprimierend ähnlich wie der von zwei Telefonbüchern wirkt, liegt daran, dass beide Autorinnen nicht auf Deutsch, sondern in wattig-wolkigem Beziehungssprech schreiben, so dass Sätze aus Asgodoms Buch wie „Liebe dich selbst, sorge für dich, für dein Glück“ genauso gut bei Zurhorst stehen könnten und vice versa. Auf Bücher aber, die austauschbar sind, sollte man lieber verzichten.

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5) Ulrich Wickert: Gauner muss man Gauner nennen (Piper, 320 Seiten, 19,90 €)

Und weil das so ist, deshalb verzichte ich, allerdings mit Respekt, auf jedes weitere Wort zu diesem Werk.

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4) Tiziano Terzani: Das Ende ist mein Anfang (Dt. v. Christiane Rhein, 416 S., 19,95 €)

Tiziano Terzani war ein Florentiner Journalist, unter anderem Asien-Korrespondent für den „Spiegel“. Mit seinem Sohn hat Terzani vor seinem Tod Gespräche über seine Krebserkrankung, die er als „Geschenk“ bezeichnet, seine Hinwendung zum Buddhismus und die sogenannten letzten Fragen geführt. Manche Leser werden aus diesem Buch über das Sterben viel Trost ziehen können, in anderen wird es Bedauern und Reue auslösen. Ich für meinen Teil bereue nach der Lektüre vor allem jedes böse Wort, das ich je über den esoterischen Kitsch von Hermann Hesse geäußert habe.

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3) Veronika Peters: Was in zwei Koffer passt (Goldmann, 256 Seiten, 18 €)

Der heilige Benedikt von Nursia fordert drei Tugenden von seinen Anhängern: Demut, Gehorsam und „Discretio“, jener so schwer zu übersetzende lateinische Begriff, in dem „Unterscheidungsvermögen“, aber auch ein wenig „Diskretion“ mitschwingt. Veronika Peters war zwölf Jahre Nonne in einem Benediktinerinnenkloster. Über diese Erfahrung hat sie ein lesenswertes, fast diskretes Buch geschrieben, das frei ist von allen Abgeschmacktheiten, die so eine „Ich-war- eine-Nonne“-Enthüllungsgeschichte haben könnte. „Nicht ganz richtig, nicht ganz falsch“, hat sich Peters im Kloster gefühlt: Ihr Buch ist eine schöne Lektüre für alle, denen es im Leben genauso geht.

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2) Hape Kerkeling: Ich bin dann mal weg (Malik, 352 Seiten, 19,90 €)

Die spirituellen Erfahrungen eines Fernsehkomikers auf dem Jakobsweg. Im Vergleich zu Veronika Peters’ Buch nimmt sich Kerkelings Laufpass wie ein Fast- Food-Hamburger zu einem Menü in einem Sternetempel aus.

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1) Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI.: Jesus von Nazareth (Herder, 497 Seiten, 19,90 €)

Apropos spirituelle Nahrung: Auf Seite 63 schreibt Joseph Ratzinger: „In dieser Welt müssen wir uns den Täuschungen falscher Philosophien widersetzen und erkennen, dass wir nicht vom Brot allein leben, sondern zuallererst vom Gehorsam gegen Gottes Wort.“ Zumindest die Reihenfolge von Brot und Gehorsam werden viele Hungerleider anders sehen.

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