Kultur : "Brother": Der vergesellschaftete Samurai

Jan Schulz-Ojala

Vielleicht ist der Januar der beste Monat für solche Filme. Es ist kalt, am besten sehr kalt, und wer jetzt allein ist, wird es ganz besonders lange bleiben. Letzten Januar kam "Ghost Dog" ins Kino, Jim Jarmuschs erster Samurai-Film - und damit ein amerikanischer Blick auf jenes japanische Genre, das die Einsamkeit zelebriert wie kein anderes. Forest Whitacker, wortkarg, mit fast regungsloser Mimik, ein Bär von Mensch, spielte den auf einem Flachdach zwischen Brieftauben hausenden Killer: Die Kamera folgt ihm auf seinen nächtlichen Wegen im Auftrag des "Meisters", der ihm einmal das Leben gerettet hat, und nun dankt er ihm auf seine Weise. Irgendwann geht er zu weit, und er opfert sich. Macht nichts: Wer Samurai wird, hat mit dem Leben abgeschlossen und mit dem Tod - dem Tod der anderen und dem eigenen - angefangen.

Wieder ist Januar, Zeit für Takeshi Kitanos "Brother", Zeit für die umgekehrte Reise, den Blick eines Japaners auf Amerika, Zeit für den stillsten aller Kino-Ozeane mitten in Los Angeles. "Brother" ist zwar kein Samurai-Film, sondern einer über die Yakuza, die japanische Mafia; aber das macht keinen wirklichen Unterschied. Die in ihrer eigenen Einsamkeit eingeschlossenen "Brüder", die da einem "Familien"-Oberhaupt dienen, sind eigentlich eine Horde von Samurai (und wenn sie ihren Boss begrüßen, klingt das wie das trockene Bellen eines Rudels von "Ghost Dogs"). Und sie dienen ebenso total. Sie gehorchen eisernen Regeln und exekutieren sich ohne Zögern selbst, wenn denn der Kodex es verlangt. Auszuhalten ist solche Geisterexistenz nur durch winzige Heiterkeiten - Herzklopfzeichen dafür, dass auch in Tötungsmaschinen noch ein Rest von Leben steckt. Dann geht für Sekundenbruchteile eine Wärme über die Gesichter: ein Klimaschock.

Yamamoto (Kitano spielt selbst die Hauptrolle) ist so ein vergesellschafteter Samurai. Weil er sich nach dem Mord an seinem Boss nicht sofort mit der Fusion zweier Banden abfinden mag, wird er flugs mit einer neuen Identität versehen und nach Los Angeles abgeschoben. Das ist das Ende. Das ist der Anfang. Der Rest ist der planmäßige, grausame Aufstieg vom fast stummen, seltsam fremd und korrekt gekleideten Gast einer dauernd durcheinander quatschenden Drogendealertruppe zum Boss einer aus Japanern, Schwarzen und Latinos zusammengeschweißten Multikulti-Yakuza. Bis der Krieg gegen die Italo-Mafia ausbricht: In einer grandiosen und furchtbaren Szene erhellt nur noch das Mündungsfeuer der Maschinenpistolen die Leinwand. Yamamoto dagegen führt von Anfang an Krieg, grundsätzlich. Als er erkennt, dass er ihn verlieren muss, hat er gewonnen. Endlich kommt der Tod auch zu ihm, und wie.

Eine kalte Welt. Eine Kaltmacherwelt. Lebende Tote bringen lebende Tote zu Tode, mal andere, mal sich selbst. Kitano zeigt den Schaltplan dieser Tötungsmaschinen und lässt sie funktionieren, Kurzschluss ausgeschlossen. Erst die Italo-Mafia konfrontiert die kriminelle Gesellschaft der Yakuza mit einem neuen Regelsystem. Denn die Mafia tötet auch Unschuldige. Deren "Familie" tötet nicht nur "Brüder", sondern reale Brüder, Schwestern, Mütter. Die Mafia bringt einen anderen Schmerz ins grausame Spiel. Mag sein, dass Kitano mit dem crime-clash vor allem Japan selbst, wo die Yakuza eine Macht im Staate ist, im Visier hatte: Indem die Mafia die Regeln der Yakuza verletzt, erinnert sie die Maschinen daran, dass sie Menschen sind.

Yamamoto macht in "Brother" diese Erfahrung nicht direkt. Dafür hat Kitano die Figur des schwarzen Denny erfunden, ohne den die eisige Reise durch diesen grandios erdachten, kadrierten und geschnittenen Film irgendwann kaum mehr fühlbar wäre. Omar Epps spielt diesen Gangsta-Schlaks brillant, und er hat eine Schluss-Szene, die den gesamten Film in einem neuen, sofort unvergesslichen Licht leuchten lässt. Er ist der Typ, der sich Yamamoto zu Anfang in den Weg stellt und dabei fast ein Auge verliert. Er ist der Typ, der eine traurig witzige Wette gegen ihn verliert. Er ist der Typ, der die "Familie" und die Familie verliert. Und er ist doch kein Verlierer, im Gegenteil.

Denny ist der Springer auf dem Schachbrett, der sich noch bewegt, als der König längst gefallen ist. Auch in Jarmuschs "Ghost Dog", wo richtig Schach gespielt wird, gibt es am Ende so eine kleine, große Szene. Die Partie ist zu Ende, der Krieg auch. Nicht der Film.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben