Kultur : "Brother": Schöner sterben

"Brother" ist Ihr erster amerikanischer Film

Seit der Japaner Takeshi Kitano 1997 für "Hana-bi" mit dem Goldenen Löwen von Venedig ausgezeichnet wurde, wurde er als einer der besten und stilbildendsten Regisseure der Welt entdeckt. Bereits in seinen frühen Filmen "Violent Cop" (1989) und "Sonatine" (1993) thematisiert Kitano, der auch als TV-Komiker Karriere machte, Einsamkeit und Gewalt. Viele seiner Filme, auch der neue "Brother", spielen im Milieu der Yakuza, der japanischen Mafia.

"Brother" ist Ihr erster amerikanischer Film, und wieder geht es um das Yakuza-Milieu. Was fasziniert Sie daran so?

Im Ausland fragt man mich immer nach dem Thema Yakuza. So wollte ich einmal zeigen, worum es da wirklich geht. Die traditionellen Werte eines altmodischen Yakuza setzen sich aus zwei Dingen zusammen: dem Sinn für Selbst-Aufopferung und der Bereitschaft, jederzeit schön zu sterben. Die Yakuzas haben diese Ideen von Bushido, dem Ehren-Kodex der Samurai, übernommen; aber sie haben sie ziemlich willkürlich in ihrem Sinne verzerrt. Yakuza-Gangster und Polizisten sind die beiden einzigen Berufe in Japan, die sich jeden Tag mit ihrem eigenen Leben und Tod auseinandersetzen müssen. Eine Geschichte über Leben und Tod kann ich nur so erzählen.

"Brother" enthält witzige Momente, zugleich aber auch viel Gewalt.

Humor und Gewalt sind kongenial. Ja, die Komödie ist die ultimative Form der Gewalt. Wenn ein Mann auf einer Bananenschale ausrutscht, kann man das als witzig oder gewalttätig empfinden, es kommt auf den Standpunkt an. Ich denke nicht, dass ich Gewalt in meinen Filmen als besonders faszinierend darstelle. Das mag so wirken, weil die Gewalt sich oft so unerwartet und "schmerzhaft" ereignet. Aber Gewalt ist in ihrem Wesen genau so. Wichtig ist, Gewalt nur dort zu zeigen, wo sie notwendig ist.

Worauf wollen Sie dabei hinaus?

Jeder, der zur Gewalt greift, muss darauf gefasst sein, dass sie jederzeit zurückkommt. In meinen Filmen passiert genau das: Wer zur Gewalt greift, wird unvermeidlich von ihr eingeholt. Ich versuche, Gewalt so zu zeigen, wie sie im wirklichen Leben ist. Und doch, zum Beispiel die Aufnahme eines US-Soldaten, der auf den Kopf eines Vietcong-Guerilla schießt, ist schockierender als alles, was ich je auf der Leinwand gesehen habe.

Sie werfen in Ihren Filmen auch einen kritischen Blick auf das zeitgenössische Japan.

Japan ist ein verschlossenes Land; allerdings begreifen das die meisten Japaner gar nicht. Aber Vorsicht, meine Filme sind kein Medium für politische Botschaften oder persönliche Ideologie. Insofern kritisiere ich damit nicht. Dem Zeitgeist im Japan stehe ich allerdings durchaus feindselig gegenüber. In den letzten 50 Jahren haben sich die Japaner alle Mühe gegeben, westliche Kultur und Philosophie zu importieren; wir haben sie bedingungslos akzeptiert, aber völlig falsch interpretiert. Das Ergebnis ist eine chaotische kollektive Identitätskrise.

Wie positionieren Sie sich selbst im japanischen Gegenwartskino?

Ich bin wie ein Krebsgeschwür, dass den rettungslos ausmergelten Körper des japanischen Kinos verzehrt. Ich bin eigentlich ein Komiker, ich habe nie eine Filmschule besucht oder das Metier im Kontext der japanischen Filmindustrie gelernt. So komisch das klingt: Noch heute, wo ich neun Filme gedreht habe, komme ich mir nicht wie ein professioneller Regisseur vor. Vor meinem Film "Hana-bi" hielten mich die Japaner für einen Komiker, der nebenbei Filme dreht, quasi als Hobby. Dann war ich plötzlich der weltberühmte Maestro. Das zeigt mir nur, wie opportunistisch die Japaner sind, wie obsessiv in ihrer Empfindlichkeit gegenüber ausländischen Reaktionen.

Und jetzt, sehen Sie sich von der Öffentlichkeit auf eine neue Rolle festgelegt?

Ich sorge schon dafür, dass man mich nicht einordnen kann. Ich möchte Erwartungen brechen. So bleibe ich selbst in Bewegung.

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