Bruce Springsteen : Der Arbeiterklassiker

Kapitalismuskritik mit der Abrissbirne: Bruce Springsteen zeigt sich auf seinem Album „Wrecking Ball“ wütend und kämpferisch.

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Singen heißt kämpfen. Bruce Springsteen in Kreuzritter-Pose. Foto: Danny Clinch/Sony
Singen heißt kämpfen. Bruce Springsteen in Kreuzritter-Pose. Foto: Danny Clinch/Sony

Aus dem Land der unbegrenzten Freiheit ist ein irdisches Jammertal geworden. Ehrliche Arbeit: nicht mehr gefragt. Die Macht: in den Händen der Bosse und Zocker. Der kleine Mann: bleibt der Verlierer. „What’s a poor boy got to do but keep singing this song?!“, fragt der Sänger mit gewohnt kraftvoller, stahlwollig aufgerauter und gerne die Endsilben zerknödelnder Stimme. Nein, diesem armen Jungen von 62 Jahren bleibt tatsächlich nichts anderes übrig, als seinen Song weiter und weiter zu singen, die Litanei vom Niedergang. Einen muss es schließlich geben, der den Job macht, und dafür gibt es immer noch keinen Besseren als Bruce Springsteen, den „Boss“. Das Anprangern und Aufrütteln, das Den-Finger-in-Wunden-Legen und Denen-in-Washington- und-an-der-Wall Street-in-die-Suppe-Spucken bleibt seine Aufgabe. „Gambling man rolls the dice / Workingman pays the bill“, konstatiert er. Die Spekulanten spielen Casino-Kapitalismus, die Rechnung zahlt der Arbeiter. So einfach ist das, so schlimm.

„Shackled and Drawn“ heißt der programmatische Song zur Lage der Nation auf Springsteens gerade erschienenem Album „Wrecking Ball“. Ein Protestlied aus der Perspektive von Ordinary Joe America, Joe Normalverbraucher, der „gelähmt und zerschlagen“ aufwacht, an einem Morgen, an dem es nicht mal richtig hell wird. Springsteen, Dichter des Kleine-Leute-Amerika in der Tradition von Woody Guthrie, spielt mit biblischen und mythologischen Bildern, zitiert den Stein des Sisyphos, den die Arbeiter von Generation zu Generation weitergeben, weiterrollen müssen. Aber auch viel ehrlicher Schweiß dampft durch die Verse: „I always loved the feel of sweat on my shirt.“ Dazu fiedelt es im Walzertakt, ein Cajun-Akkordeon bittet zum Tanz, am Ende fordert eine Gospelsängerin: „I want everybody to stand up.“

Denn das 16. Studioalbum des Working-Class-Rockers ist vielleicht sein wütendstes, sicher sein kämpferischtes. Der „Wrecking Ball“ des Titelsongs ist die Abrissbirne, die das alte Meadowlands-Stadion in Springsteens Heimatstaat New Jersey zu Staub verwandelt, wo er schon als kleiner Junge – „I’ve seen champions come and go“ – Zeuge vieler Football-Triumphe wurde. Das neue MetLife-Stadion, nach einem Versicherungskonzern benannt, steht für den Aufstieg des Finanzsektors und den Abstieg der Schwerindustrie im Rust Belt zwischen Detroit und New York, wo die leerstehenden Stahlwerke und Autofabriken gerade dutzendfach dem Erdboden gleichgemacht werden. Aber die Abrissbirne kann auch zur Waffe werden, mit der die Verlierer – „Bring on your wrecking ball“ – auf die Gewinner der Krise losgehen. Macht zu Kleinholz, was eure Jobs plattmacht.

Das Vorgängeralbum „Working on a Dream“ erschien 2009 auf dem Höhepunkt der Barack-Obama-Euphorie, den Hoffnungsträger, für den der Sänger in den Wahlkampf gezogen war. „Wrecking Ball“ dokumentiert nun den Katzenjammer danach, dieAusnüchterung, die dem Überschwang folgte. Springsteen hält Obama weiterhin für einen guten Präsidenten, „er hat General Motors am Leben erhalten, das Healthcare-Gesundheitssystem durchgesetzt und Osama Bin Laden ausgeschaltet“, sagte er dem englischen „Guardian“. Aber aus dem neuen Präsidentschaft-Wahlkampf will sich der Star heraushalten und lieber „vom Spielfeldrand aus“ zuschauen.

Springsteens Vater, der in der Textilindustrie und als Taxifahrer jobbte, verlor in den siebziger Jahren seinen Arbeitsplatz und fühlte sich dadurch „tief in seiner Männlichkeit gekränkt“. Ein Familientrauma, das den Sohn nachhaltig prägte und politisierte. Heute sympathisiert der Sänger mit der Occupy-Bewegung und freut sich, dass „endlich nach Dekaden“ wieder über die auseinanderklaffende Einkommensverteilung in Amerika geredet werde. In „Easy Money“ versetzt er sich in einen Deklassierten, der es den „fat cats“ aus den Chefetagen gleichtun und sich das große Geld nicht mit Betrug, aber mit Gewalt – „I got a Smith & Wesson 38“ – holen will. Und in „Death to my Hometown“ klagt er die „Marodeure“ in Nadelstreifen an, die das Land zerstören und dafür nicht einmal Gewehre brauchen: „They destroyed our families, factories / And they took our homes.“

„Wir“ gegen „die“, Springsteen kämpft mit dem Holzhammer. Seine Kapitalismuskritik ist eher unterkomplex und könnte auch auf der republikanischen oder christlich-fundamentalistischen Rechten Freunde finden. Zumal der Glanz der Nostalgie über diesem Album liegt, der Sänger beschwört ein Kleinstadt-Amerika gläubiger, hart arbeitender Männer, das mit der Realität einer zunehmend urbanen Dienstleistungsgesellschaft nicht mehr viel zu tun hat. „Über die Tapferkeit unterbezahlter Hamburger-Brater hat der Boss bislang kein Lied geschrieben“, bemerkt Thomas Groß in der „Zeit“.

Und die Musik? Gewohnt wertkonservativ. Zum Dampfwalzen-Rock der Lasst-uns-Zusammenhalten-Hymne „We Take Care of Our Own“ kann man sich bereits jetzt die Mitklatsch-Ekstasen der anstehenden Stadion-Tour vorstellen. Es gibt Dudelsack-, Banjo- und Glockenspielfolklore, butterweich gegniedelte E-Gitarrensoli und säuselnde Saxofoneinlagen wie sie in den letzten zwanzig Jahren allenfalls im Smooth-Jazz-Radio zu hören waren. Die Polit-Songs bollern heftig, Liebeslieder wie „This Depression“ oder „You’ve Got It“ bleiben im Balladen- oder Midtempo-Modus. Das anrührendste Lied trägt den Titel „We Are Alive“, eine Geisterbeschwörung, in der die Latinos wieder auferstehen, die auf dem Weg in die USA in der Wüste verdursteten. Sie starben für ihren amerikanischen Traum.

„Wrecking Ball“ ist bei Sony erschienen. Springsteen spielt am 30. Mai im Berliner Olympia-Stadion.

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