Kultur : Bruckner aus der Neuen Welt

MUSIK

Sybill Mahlke

Verflüchtigt haben sich die Zeiten, in denen eine einzige Bruckner-Interpretation Da niel Barenboims die Geister intellektueller Neugier wachrief. Dieses Bruckner-Bild war eines der musikalischen Mirakel, weil es auf dem Abenteuer des unerhörten Augenblicks bestand. Bringt der Hochleistungsdirigent nun als Mittel einer Trias aus Brucknersinfonien mit dem Chicago Symphony Orchestra in der Philharmonie die Siebente zur Aufführung, von Wagner- und Verdi-Ambitionen zu schweigen, die er in derselben Barenboim-Festwoche an der Lindenoper absolviert, so muss die Geduld für das kleinste Teilchen der Partitur schwinden. Gerade darauf aber käme es an, wenn die Kombination Mahler/Bruckner in den Konzerten ihren spannenden Eigenwert entfalten sollte.

Barenboim ist derzeit auf dem Weg, die Eigenschaften der Musik einem pauschalen Schwung zu opfern. Bei den Steigerungen gerät er in ständiges Anfeuern, obwohl Bruckner die Dynamik auskomponiert hat, die zum berühmten Beckenschlag im Adagio führt. Aus dem dreifachen Forte löst sich dann der Abgesang „zum Andenken an den Hochseligen, heißgeliebten unsterblichen Meister“, d.h. Richard Wagner. Hier klingt der alte Barenboim durch, der bedeutende Musiker, der hoffentlich nicht verloren geht. Am Pult des Orchesters aus Chicago favorisiert er, mehr als mit der Berliner Staatskapelle, einen breiten Sound: Bruckner aus der Neuen Welt. Er wird stürmisch gefeiert wie auch Thomas Hampson mit Mahlers „Liedern eines fahrenden Gesellen“, die ihren opernhaften Höhepunkt im dritten Lied vom „glühend’ Messer“ haben. Der baritonale Schöngesang verrät Ansatzschwierigkeiten und wenig Erschütterung darüber, dass den wandernden Gesellen eine sehr traurige Frühlingsreise umtreibt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben