Bruckner und Messiaen in der Philharmonie : Tapfere Himmelfahrt

Ein Bruckner-Messiaen-Abend in der Philharmonie, mit dem Rundfunkchor Berlin, dem Rundfunk-Sinfonieorchester und Marek Janowski.

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Marek Janowski dirigiert das Rundfunk-Sinfonieorchester.
Marek Janowski, seit 2002, Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin.Foto: dpa

Ein Abend der Beschwörungen, der Selbstbehauptungen und Gottesanrufungen: Marek Janowski dirigiert Bruckner und Messiaen, zwei Meister der Endlosschleifen, der sich bis an den Rand der Verzweiflung entwickelnden Variation. Janowski bevorzugt den Kompaktklang, kehrt das Rituelle hervor, die Autorität des Kollektivs, das gleichwohl nie auftrumpft.

Der Rundfunkchor Berlin eröffnet in der Philharmonie mit Bruckners „Fünf Motetten“ einen suggestiven Raum der Stille: blitzsauber intonierte A-cappella-Meditationen, Spätromantik aus dem Geist der Gregorianik. Auch wenn die Bässe beim „Christus factus est“ kurz ins Plärren geraten und die Soprane sich bei Spitzentönen anstrengen müssen, spannt der Chor seine kontemplative Klangkultur doch elegant über feste Akkordsäulen, bis hin zum innig schlichten „Ave Maria“.

Bei der „L’Ascension“ für Orchester, Messiaens viersätziger Himmelfahrt von 1932/33, wahrt Janowski das gleiche Maß an Restdistanz, wenn er das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin zu energischem, aber nie hitzköpfigem Spiel animiert. Da fährt einer nicht gen Himmel, sondern schreitet tapfer voran. Dem gottesfürchtigen Werk tut etwas Profanität gut. Allerdings wünschte man sich weniger Indifferenz bei den markanten synkopischen Passagen und mehr Sphärisch-Atmosphärisches beim irisierenden Tremolo im zweiten Satz, nach den selbstvergessenen wie munteren Einwürfen des Englischhorns.

Bei Bruckners Neunter, mit Verlaub, fehlt die Transzendenz. Das RSB zelebriert vorzüglich den Umschlag vom Amorphen ins Abstrakte, vom weichen Melos über die Schwerthiebe des Scherzos bis zur schreienden Dissonanz, von den Urgrundklängen des Anfangs bis zum Wahnsinnsakkord mit allen sieben Tönen der Tonleiter im Adagio. Aber die Farbchangierungen, das Zerfasernde, Zersetzende mitten in Bruckners Statuarik gewahrt man kaum, trotz gedrosseltem Tempo. Wo bleibt das Geheimnis?

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