Kultur : Bruckners Achte: Entzaubert steigt er sternenwärts

Frederik Hanssen

Live-Aufführungen der Bruckner-Sinfonien haben einen unschlagbaren Vorteil gegenüber CD-Erlebnissen: die Lautstärke. Selbst wenn die heimische Anlage genug Power zu bieten hat - die volle Wucht, die in den orchestralen Monolithen des wunderlichen Österreichers steckt, kann man keinem Nachbarn zumuten. Kein Wunder, dass Kent Nagano und seinem Deutschen Symphonie-Orchester in der Philharmonie Jubel entgegenschlug: Der Dirigent drehte bei der Aufführung von Bruckners "Achter" den Regler seines Klangkörpers immer wieder auf "maximum Volume". Doch Nagano wäre nicht der Partiturdurchdenker, der er ist, wenn hinter den Tonstürmen kein Konzept steckte. Die Deutung der Motivik als "Todesverkündigung" und "Ergebung", mit Kosaken-Ritt und Deutschem Michel, wie sie Bruckner selber suggeriert hat, interessiert ihn wenig. Nagano will keine Geschichte erzählen, er richtet den Blick über die Beschreibung realistischer Details hinaus. Bruckners enigmatische Musik mit ihren extremen Ausmaßen und scharfen Kontrasten verweist bei Nagano auf etwas, das jenseits eines imaginären Bühnengeschehens liegt, wie man es sich gerade bei diesem Werk leicht zusammenfabulieren könnte. Wo das harmonische Gerüst Auflösungserscheinungen zeigt, wird der Rhythmus zum konstituierenden Element, gewinnt Klangflächentektonik mehr Gewicht als die Melodie.

Also spricht der Dirigent ein Badeverbot aus: Seliges Versinken in "schönen Stellen" ist unerwünscht, kein hyperromantischer Identifikationssound lädt zum Schwelgen ein. Dabei werden einige Stimmungswerte herausgefiltert (das Geisterhafte des Scherzo, Innerlichkeit im dritten Satz), im Gegenzug tritt Bruckners Modernität zutage. So radikal kann nur einer dem Diktat seiner inneren Stimme folgen, dessen Streben nicht auf irdischen Ruhm gerichtet ist, sagt Nagano - und lässt inmitten des entzauberten Adagios das Choral-Thema plötzlich sehnsuchtsoll aufblühen: Überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen.

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