Kultur : Bruder Mensch

Die Jugend liebte ihn, der Amtskirche war er weit voraus: zum Tod des Taizé-Gründers Frère Roger

Thomas Lackmann

Februar 1968. Zwanzig junge Westberliner aus evangelischen Elternhäusern, von grimmiger Skepsis gegen kirchliche Institutionen und mit wütender Erinnerung an die Ermordung Benno Ohnesorgs erfüllt, besuchen eine reformierte Mönchsgemeinschaft im südlichen Burgund. Sie fragen den Prior der Communauté, warum er nicht über die Massenmedien oder beim US-Präsidenten gegen den Vietnamkrieg protestiere. „Was zählt, ist das Innere des Menschen“, sagt der fromme Mann. Er habe dem Präsidenten übrigens geschrieben und mache sich keine Illusion, dass der Krieg deswegen aufhören werde. Dann hilft also nur Gewalt, sagen die Deutschen. „Ich denke daran, dass Jesus im Sterben einem Gewalttäter das ewige Leben versprochen hat“, notiert der Prior später im Tagebuch.

Frère Roger, wie seine Kommunitäts-Brüder und jugendlichen Fans den verständnisvollen Gesprächspartner nennen, ist zum Zeitpunkt dieser Begegnung bereits eine berühmte Persönlichkeit der Ökumene. Am 12. Mai 1915 wurde er unter dem bürgerlichen Namen Roger Louis Schutz-Marsauche in der Schweiz als jüngstes von neun Kindern eines reformierten Pfarrers geboren, seine französische Mutter kam aus der Nähe von Taizé. 1940 erwirbt er als 25-jähriger Pastor ein leer stehendes Herrenhaus in dem Dörfchen Taizé, nahe der Demarkationslinie zum deutsch besetzten Frankreich. Er bietet Verfolgten Zuflucht; ab 1942 finden sich Gleichgesinnte, die mit ihm ein radikales Leben in der Nachfolge Jesu teilen wollen. 1949 gründet die kleine Gruppe einen evangelischen Orden, dessen Mitglieder sich zur Ehelosigkeit, zur Gütergemeinschaft und zur Anerkennung einer Autorität verpflichten. Die Communauté lebt vom Ertrag eigener Arbeit, nimmt keine Spenden, legt keine Rücklagen an. Seit 1951 brechen kleine Teams von Taizé aus zu sozialen Brennpunkten der Erde auf, um dort an der Seite der Armen zu leben.

Als Frère Roger und sein theologischer Kopf Max Thurian, zwei Ordensleute in weißen Gewändern, 1960 von Papst Johannes XXIII. empfangen werden, reagieren ihre protestantischen Glaubensbrüder in Frankreich pikiert. Zum II. Vatikanischen Konzil sind die beiden Brüder von Taizé als offizielle Beobachter eingeladen. Katholische Brüder gehören ebenfalls zur Communauté, die auf 100 Brüder aus 25 Nationen angewachsen ist; außerdem entsteht in Taizè eine katholische und eine orthodoxe Gemeinschaft der gleichen Spiritualität. In der Liturgie verschmelzen die konfessionellen Traditionen. Taizé wird zum Wallfahrtsort der Ökumene – und zum größten Jugendwallfahrtsort Europas. 200000 pilgern jeden Sommer nach Burgund. Seit 1974 soll das Konzil der Jugend durch Silvestertreffen an wechselnden Schauplätzen den „Geist von Taizé“ in die Welt tragen.

Roger Schutz, dieser charismatische Seelsorger und authentische Christ, verbindet seinen unbefangenen Zugang zur kirchlichen Tradition mit persönlicher, spiritueller Radikalität. So gelingt es ihm, das Erbe anderer Konfessionen zu seinem eigenen zu machen. Taizé liegt nicht weit von Cluny, wo im Mittelalter das Zentrum einer monastischen Reformbewegung lag, die unter dem benediktinischen Ideal „ora et labora“ die abendländische Kirche erneuern wollte.

Den Vermächtnissen und Zumutungen der Kirchengeschichte und den realexistierenden Institutionen von heute hat sich Frère Roger ohne Angst genähert. Das qualifizierte ihn zum Partner für die institutionskritischen Jugendlichen, aber auch für die katholische Hierarchie. In Taizé gibt es Ordensregeln und liturgische Formeln, zugleich aber den Sinn für die Freiheit des Individuums und sein Gewissen, für das soziale Engagement. Es gibt sogar die verbindliche Zölibatsverpflichtung: als Programm der größeren Freiheit für Gott und die Menschen.

Die Kombination aus Autorität und Freiheit macht, in Verbindung mit der Gemeinschaftserfahrung, die Anziehungskraft von Taizé aus. Dabei behielt der Gründer stets die Empfindlichkeit dieses Gleichgewichts im Auge. Als die große Betonkirche von Taizé fertig war, sah er sein Ideal, das urchristliche Wanderschaftsbewusstsein, gefährdet: „Angesichts der Beweglichkeit unserer Zeit drängt sich der Gedanke an eine Kirche auf, die gleichsam nur mit einem Zelt lebt.“

Für die Katholische Kirche ist Roger Schutz mit seiner Bereitschaft, die Unterschiede zwischen den Konfessionen geduldig zu überwinden, ein Lieblingsökumeniker geworden. „Finde dich niemals ab mit dem Skandal der Spaltung unter den Christen, die alle so leicht die Nächstenliebe bekennen und doch getrennt bleiben“, schließt seine Präambel zur Ordensregel. Als am 8. April bei der Messe für den toten Papst Johannes Paul II. auf dem Petersplatz Frère Roger im Rollstuhl aus der Hand des Kardinals Ratzinger die Kommunion empfing, begannen nochmals Spekulationen über das Bekenntnis des reformierten Mönchs, der sich der katholischen Tradition so gelassen geöffnet hat. Interkommunion, um die verbissene Kirchentags-Gefechte geführt worden sind, ist unter den Brüdern von Taizé erlaubt. Von vatikanischer Seite wird diese Ausnahmesituation offensichtlich akzeptiert. Dennoch war die Mondovisions-Premiere in Rom ein Wagnis – und innerkatholisch nur zu verstehen im Angesicht des historischen Ereignisses und jener Ewigkeit, die alles Regelwerk relativiert.

Am Dienstagabend, während in Köln das XX. Weltjugendtreffen eröffnet wurde, wurde der 90-jährige Roger Schutz durch Messerstiche einer verwirrten Frau beim Abendgebet in Taizé tödlich verletzt. Santo-Subito-Rufe sind noch keine erklungen, die passen auch nicht zum wenig triumphalen Stil von Taizé. Papst Ratzinger, der exakte Dogmatiker, kennt die theologoischen Formalien selber am besten. Aber selbst diese werden ihn womöglich nicht davon abhalten, diesen kompromisslosen und zartfühlenden Menschenversteher, Jugendapostel und Jesus-Nachfolger eines Tages selig zu sprechen, als ersten evangelischen Christen.

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