Kultur : Brücke in die Zukunft

Chronik eines Höhenflugs: Werke von Kirchner, Schmidt-Rottluff und Pechstein erzielen auch im Jubiläumsjahr Rekorde

Ulrich Clewing

Als Jussi Pylkännen, Auktionator bei Christie’s in London, am Abend des 21. Juni 2005 das letzte Gebot für Los Nummer 28 bestätigt hatte, lag Schwerstarbeit hinter ihm. Aber das Ergebnis war alle Mühen wert: 2,47 Millionen Pfund inklusive Aufgeld (umgerechnet 3,7 Millionen Euro), fast das Doppelte der Schätzung von 1,2 bis 1,6 Millionen Pfund, das bedeutete Weltrekord für ein Gemälde von Karl Schmidt-Rottluff. Und so wird seine stark farbige Komposition „In der Dämmerung“ aus dem Jahr 1912 in die Kunstmarkt-Geschichte eingehen. Wobei offen bleibt, für wie lange es seine Spitzenposition behaupten kann.

Hundert Jahre nachdem die Dresdner Architekturstudenten Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff die Künstlervereinigung „Die Brücke“ gründeten, wird das Jubiläum nicht nur mit großen Ausstellungen in Berlin und zahlreichen anderen Museen gefeiert. Auch der internationale Handel freut sich über die anhaltende Beliebtheit von Werken der deutschen Expressionisten, und es gibt deutliche Hinweise, dass der Rekord für den Schmidt-Rottluff schon bald übertroffen werden könnte. Angesichts des immer knapper werdenden Angebots ziehen die Preise seit ein paar Jahren deutlich an.

Die Entwicklung begann Mitte der achtziger Jahre. Seitdem ist die Nachfrage für „Brücke“-Maler kontinuierlich gestiegen, doch die richtig hohen Preise wären erst in den letzten fünf Jahren bezahlt worden, sagt Markus Krause vom Berliner Auktionshaus Villa Grisebach. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Kirchner, Heckel, Pechstein und die anderen nicht mehr nur als rein deutsche Angelegenheit betrachtet werden, sondern auch im Ausland auf wachsendes Interesse stoßen. „Gerade im angelsächsischen Raum hat sich herumgesprochen, dass der Expressionismus eine Kunst von Weltgeltung ist. Angesichts dessen sind die Werke momentan noch relativ günstig“, so Krause.

Ein Indiz dafür, dass Krause mit dieser Einschätzung Recht hat, ist der Umstand, dass die großen Auktionshäuser Christie’s und Sotheby’s vor einiger Zeit die jahrzehntelang abgehaltenen Auktionen für „deutsche und österreichische Kunst“ abgeschafft haben und die Offerten seither in die internationalen Auktionen „Impressionist/Modern Art“ integrieren. Das hat Folgen: Auf einer der ersten dieser Auktionen gab es gleich einen Höchstpreis für Kirchner, dessen „Akte in der Sonne, Moritzburg“ 3,5 Millionen Pfund erreichte. Doch auch in Deutschland werden inzwischen Preise eingespielt, die vor kurzem noch undenkbar waren. Die 3,9 Millionen Euro für Beckmanns „Anni“, mit denen die Villa Grisebach im Juni den Rekord für ein in Deutschland verkauftes Gemälde des 20. Jahrhunderts erzielte, könnten beinahe vergessen machen, dass die zwei Millionen Euro für Kirchners „Halbakt mit erhobenen Armen“ auf derselben Grisebach-Auktion auch eine enorm hohe Summe sind.

Die Expressionisten sind Allgemeingut geworden und so ist ihr Erfolg, etwas despektierlich formuliert, auch Resultat einer gewissen ästhetischen Gewöhnung. „Die Brücke hat Kunstgeschichte geschrieben, und diese Bedeutung wird bleiben“, sagt Cornelia Henze, Enkelin von Roman Norbert Ketterer und Mitarbeiterin in der Galerie ihrer Eltern, Henze-Ketterer aus Bern, die den Nachlass von Ernst Ludwig Kirchner verwaltet. „Meine Generation ist mit Malern wie Kirchner, Pechstein oder Schmidt-Rottluff aufgewachsen“, so die 30-Jährige, „ihre Kunst hat uns geprägt.“ Henze erklärt sich die aktuellen Höchstpreise damit, dass diese Künstler „eine Brücke in die Gegenwart schlagen“.

Dabei ist es nicht so, dass die „Brücke“-Maler zu Lebzeiten erfolglos waren. Zwar klingt ihr Manifest, das sie anlässlich einer Ausstellung in der Dresdner Lampenfabrik Seifert 1906 auf einem Holzschnitt veröffentlichten, für erklärte Revolutionäre der Kunst angemessen kämpferisch: „... Als Jugend, die die Zukunft trägt, wollen wir uns Arm- und Lebensfreiheit verschaffen gegenüber den wohlangesessenen älteren Kräften. Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht das wiedergiebt (sic!), was ihn zum Schaffen drängt.“ Auf der anderen Seite hatten sie von Anfang an wichtige Gönner und später in der Weimarer Republik auch eine große Zahl von Mitstreitern und Nachahmern.

Bevor sie die ganze Härte der NS-Verfolgung traf, waren sie auf dem besten Weg, zu Staatskünstlern aufzusteigen. So ist es nicht verwunderlich, dass ihre Werke auch nach dem Zweiten Weltkrieg rasch wieder Anhänger fanden. Die aktuelle Nachfrage ist also keine kurzlebige Mode, sondern ruht auf einem breiten Fundament gewachsener Anerkennung.

Einen Sonderfall markiert das grafische Schaffen der „Brücke“-Künstler. Dort kann man noch am ehesten hohe Qualität zu erschwinglichen Preisen erstehen – einmal, weil der Markt für Grafik generell ein Spezialmarkt ist, bei dem beim gleichen Motiv von Blatt zu Blatt variable Kriterien wie Erhaltungszustand, eventuelle Widmungen u.ä. eine entscheidende Rolle spielen. Und zum anderen ist hier das Angebot naturgemäß weit größer als bei Zeichnungen, Aquarellen und Gemälden. Markus Krause von der Villa Grisebach jedenfalls ist sich sicher: „Die Preise sind noch längst nicht so hoch, wie sie sein könnten.“

Der Kunsthandel Wolfgang Werner zeigt nach der Sommerpause ab dem 15. August Werke von Ernst Ludwig Kirchner und Max Pechstein in Berlin (Fasanenstraße 72, bis 1. Oktober).

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