Kultur : Brücken zum Bosporus

Seit 1988 vergibt die Berliner Kulturverwaltung Türkei-Stipendien.48 Stipendiaten arbeiteten bislang am Goldenen Horn.Anfangs wurden jährlich sechs Künstler der Sparten Film, Literatur, Theater, Musik und Bildende Kunst für drei Monate eingeladen.1994 wurde neu strukturiert und das von Beral Madra geleitete "BM Contemporary Art Center Istanbul" als Kooperationspartner gewonnen.Mit seinem Kulturprogramm bietet der Treffpunkt der zeitgenössischen Istanbuler Kunstszene gute Möglichkeiten, Kontakte zu knüpfen.Zudem wird jeweils eine Ausstellung vor Ort ermöglicht.Seitdem konzentriert sich das Istanbul-Stipendium auf Bildende Künstler, beschränkt sich auf zwei pro Jahr und dauert sechs statt zuvor drei Monate.

Ins Straßengetöse haben sich die leisen Rufe zum Gebet eingemischt.Der Klangteppich empfängt den Besucher bereits vor der Ausstellungstür: akustische Einstimmung auf ein Patchwork verschiedenster Bilder, in denen sich die individuellen Eindrücke der Istanbul-Stipendiaten der letzten zehn Jahre präsentieren.Die Überblicksschau "Istanbul in Berlin: die Berliner Istanbul-Stipendiaten 1988-1998" weist zwangsläufig eine Vielfalt der Medien und Positionen auf, deren Fülle sie in einen Basar der Bildeindrücke verwandelt.Man schlendert hindurch, vermag aber meist nur erste, oberflächliche Einblicke zu gewinnen.Die fotografischen Arbeiten bieten am wenigsten Probleme.Nelly Rau-Härings sensible Porträts von Straßenpassanten, Bettina Hoffmanns mit alten Klassenfotos kombinierte Erkundung in einer verlassenen armenischen Schule oder Christa Mayers beziehungsreiche Beobachtung spielender Kinder - sie bedürfen keines zusätzlichen Kommentars.

Auffallend zahlreich sind von ottomanischer Ornamentik angeregte Arbeiten vertreten.Das Spektrum beginnt mit Knut Bayers filigranen Zeitungs- und Postkartenscherenschnitten.Es reicht von Jörg Reckhenrichs reduzierten Farbraumobjekten bis zu Birgit Maria Wolfs Serie als "Sandkasten" bezeichneter Wandreliefs.Sie sind aus Sand vom Marmara-Meer geformt und mit plastischen Zeichen besetzt, deren westliches Repertoire die Künstlerin um die des Kulturkreises zwischen Orient und Okzident erweitert.Auslöser und Hintergründe vieler Werke, die an der Peripherie des hierzulande Bekannten fündig werden, lassen sich aber oft erst mit Hilfe des informativen Katalogbuches erschließen.

Oliver Oefeleins transparentes Raumgespinst aus Tesafilmstreifen, was sagt uns das? Wo ist der Faden, der die Installation mit dem Türkei-Aufenthalt verknüpft? Diesen erfaßt man erst, wenn man um die Existenz ruinöser Gerüstskelette verlassener Achterbahnen weiß, wie man sie rund um Ankara findet.Sie werden nach Schließung der Vergnügungsparks einfach stehen gelassen.Längst nicht mehr im vermeintlich Exotischen, sondern im Alltäglichen suchen die Künstler ihren Bilderfundus.Um mit ihnen ihre eigenen individuellen und subjektiven Brücken zum Bosporus zu bauen.

ELFI KREIS

Kunstamt Kreuzberg, Mariannenplatz 2 bis 18.Oktober, Katalog 16 DM.

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