Kultur : Brückenschlag

Die Bibliotheca Hertziana in Rom feiert Richtfest

Paul Kreiner

Die Spanische Treppe rauf, rechts abgebogen – und schon steht man vor einem deutschen Neubaugebiet. Mitten im antiken Rom glänzt die Bibliotheca Hertziana des Max-Planck-Instituts mit einem Büchertempel aus dem 21. Jahrhundert. Am Mittwoch war Richtfest.

Dass der Bau an dieser sensiblen Stelle überhaupt genehmigt wurde, verdankt er seiner spektakulären Architektur. Sie könnte, so der spanische Architekt Juan Navarro Baldeweg, zu einem Modell dafür werden, wie man auf historischem Grund baut, ohne antike Reste zu zerstören – und wie man trotz zahlreicher aufsehenerregender Fundstücke in vernünftig kurzer Zeit den Bau vollenden kann.

Die Bibliotheca Hertziana ist eine kulturelle Forschungsstätte von Weltrang. Sie widmet sich der römischen Kunstgeschichte der nach-antiken Zeit – also vom frühen Christentum bis Renaissance und Barock. Gestiftet von der jüdischen Mäzenin Henriette Hertz, logiert die Bibliothek seit 1913 in dem reich ausgestattetem Palazzo Zuccari aus dem 16. Jahrhundert. Nun aber, mit den 300 000 Bänden ihrer Spezialbibliothek, dazu einer Sammlung von 800 000 Fotos, platzte die Bibliotheca Hertziana aus allen Nähten. Brandschutzbestimmungen brachten sie 1995 an den Rand der Schließung.

Aber wie und wo neu bauen? Der Palazzo Zuccari steht auf dem Pincio-Hügel, wo der berühmte Gourmet Lucullus etwa 60 vor Christus seine Luxusvilla und seine Gärten hatte; archäologische Entdeckungen mussten also eingeplant werden. Mit einem massigen Betonfundament die antiken Reste plattzumachen war unmöglich. Außerdem mussten die barocken Fassaden des Palazzo erhalten bleiben.

Baldeweg und Da Gai lösten das Problem, indem sie den Bau wie eine Brücke über den antiken Boden spannten. Auf 176 schlanken, bis zu 52 Meter ins Erdreich gesenkten Mikro-Pfählen ruht eine drei Meter hohe Kiste aus Stahlbeton, die ihrerseits das stählerne Skelett der Büchermagazine und der Lesesäle trägt. Alles ist, hinter den barocken Fassaden, in Terrassenart angeordnet, um einen Innenhof, der trotz der Baudichte licht und erstaunlich weit geblieben ist. Während die Konstruktion in die Höhe wächst, graben unten in aller Ruhe die Archäologen.

70 Prozent mehr Stellfläche wird die Hertziana mit dem Neubau erhalten. Die archäologische Zone im Keller – ein Wassergarten sowie ein Nymphäum mit Mosaiken – bleibt frei zugänglich. Doch das Ganze hat seinen Preis. Mit 19,5 Millionen Euro glaubte man auszukommen, so weit, sagt Generalsekretärin Katharina Bludau vom Max-Planck-Institut, sei das Projekt „ausfinanziert“ gewesen. „Aber wenn man auf den Gärten des Lucullus baut...“, seufzt sie und beziffert die Finanzlücke auf vier Millionen Euro. Trotzdem: man ist stolz darauf, der Ewigen Stadt eine „vorbildliche Architektur ohne Kompromisse“ zu schenken. Paul Kreiner

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