Kultur : Brüder der Maulwürfe

Wilhelm Krull sammelt schriftstellerische Prosa aus der Zeit des Ersten Weltkriegs.

Paul Michael Lützeler



Wilhelm Krull (Hrsg.):

Krieg –

von allen Seiten.

Prosa aus der Zeit

des Ersten Weltkriegs.

Wallstein Verlag,

Göttingen 2013.

222 Seiten, 19,90 €.

Ende Juni wird es hundert Jahre her sein, dass die Pistolenschüsse auf Erzherzog Franz Ferdinand das Fanal zu einer Tötungsorgie abgaben, wie sie die Menschheit bis dahin nicht erlebt hatte. Wilhelm Krull hat nun einen vorzüglich edierten und eingeleiteten Band mit Prosa aus der Zeit des Ersten Weltkriegs veröffentlicht. Besonders fällt ein Beitrag des Pazifisten Alfred H. Fried auf. In einer Tagebucheintragung vom 20. September 1914 legt der Mitstreiter Bertha von Suttners dar, dass der Konflikt zwischen der Donaumonarchie und dem Königreich Serbien hätte vermieden werden können, wenn es eine internationale Organisation zur Verhinderung von Aggressionsakten zwischen Nationen gegeben hätte.

Fried hatte sich jahrzehntelang für Schiedsgerichte dieser Art eingesetzt. Er ahnte, dass ein Krieg zur europäischen „Kulturvernichtung“ führen würde. Das wusste auch Wilhelm Lamszus. In „Das Menschenschlachthaus. Bilder vom kommenden Krieg“ (1912) informierte er über die zerstörerische Wirkung der neuen Bomben, Artilleriegeschosse und Maschinengewehre. Doch was als Warnung gedacht war, wurde nur als belletristische Sensation goutiert.

„Krieg – von allen Seiten“ sammelt Erzählendes von Schriftstellern aus sehr unterschiedlichen Perspektiven. Die meisten Texte dokumentieren die Destruktions- und Verstörungskraft des Krieges. In Alfred Lemms „Aufzeichnungen eines Krankenträgers“ summiert sich die Erfahrung dieses Elends „zu einem einzigen Aufschrei der Menschheit vor diesem unsäglichen Krieg“. Zu den Antikriegsbüchern, die trotz Zensur erscheinen konnten, gehörte neben Leonhard Franks „Der Mensch ist gut“ auch Latzkos „Heldentod“ über das Sterben eines schwerverwundeten Offiziers im Lazarett.

Von den Soldaten, die sich im Stellungskampf mit den Gräben ihr eigenes Grab schaufeln oder als „Brüder von Maulwürfen und Vettern von Ratten und Kellerasseln“ dahinvegetieren, berichtet Martin Beradts „Erdarbeiter“. Eine besonders bildmächtige Schilderung enthält Paul Zechs „Grab der Welt“. Darin geht es um 5000 blutjunge Franzosen, die bei Douaumont die deutschen Stellungen durch Frontalangriff nehmen sollen. „Ein Halbkreis von knapp zehn Kilometern wurde zum gewaltigsten Feuerrad der Welt“. In ihm verzehrt sich die „Knaben-Division“. Und in seinem Tagebuch vom November 1914 hält Egon Erwin Kisch über eine österreichische Kampagne in Serbien fest, dass die Mannschaft „vor Frost klappernd und vor Hunger fast sinnlos“ dahinmarschiert.

Eine Sonderstellung nehmen Leonhard Franks „Der Kellner“ und Ulrich Steindorffs „Golgatha“ ein. Sie handeln von Vätern, deren Söhne den „Heldentod“ gestorben sind. Franks Kellner, der sein Kind im Sinne eines preußisch-militanten Patriotismus erzogen hat, erlebt eine Umkehr. Er wird zum Kriegsgegner, der christliche Liebe gegen den chauvinistischen Hass setzt. Bei Steindorff macht sich der Vater auf die Suche nach dem Grab seines Sohnes auf einem Schlachtfeld in Galizien und scheut keine Mühe, die Leiche zu finden und in die Heimat zu bringen. Die Väter identifizieren sich hier mit christlichen Leidensorten wie Golgatha oder entdecken die Botschaft von der Bergpredigt als Mittel, sich gegen die Todesmaschinerie aufzulehnen.

Walter Flex dagegen hängt einer politischen Religion an. Sein „Wanderer zwischen beiden Welten“ war eines der meistgelesenen Kriegsbücher im nationalistisch-konservativen Bürgertum. Der Tod des Soldaten gilt dort als „das letzte und größte Opfer“. Auf das Grab eines gefallenen Freundes legt Flex einen Strauß völkisch verkitschter Blumen nieder: „Der Stahl, den der Waffenfrohe blank durch sein junges Leben getragen, liegt ihm nahe am Herzen, als ein Gruß von Erde, Luft und Wasser der Heimat, aus dem Marke deutscher Erde geschmiedet, in deutschem Feuer gehärtet und mit deutschem Wasser gekühlt.“

Dann sind da noch die draufgängerischen Offiziere, die die persönliche Bewährung suchen, nach Auszeichnung, Beförderung und Ruhm gieren. Bei den Bodentruppen mit Materialschlacht und Massensterben ist das schwerer zu haben als bei den neuen Jagdfliegern. Sie glauben, den Zweikampf zu rehabilitieren; über ihre Abschüsse führen sie stolz und penibel Buch. Krull druckt ein Kapitel aus dem Bericht des Freiherrn von Richthofen, der als „roter Baron“ noch heute präsent ist. Als er den 16. Gegner abgeschossen hat, erhält er den „pour le mérite“, die höchste Auszeichnung. „Ich stand somit an der Spitze sämtlicher Jagdflieger. Dieses war mein Ziel, das ich erreichen wollte“, notiert er lakonisch. Nun wird die „Jagdstaffel Richthofen“ eingerichtet, die er zu führen hat.

Schließlich Ernst Jünger. Er versucht, eine literarische Sprache zu finden, die zeigt, dass beim Heer noch individuelle Beweise von Heroismus und soldatischer Härte möglich sind. In seinen „Stahlgewittern“ wird „ganze Arbeit geschafft“, wenn er einen „Engländer“ auf „150 Meter zwischen zwei Deutschen“ herausschießt, wobei der Feind „wie ein Messer zusammenklappt“. Paul Michael Lützeler

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