Kultur : Brüder im Nahkampf

Psychodrama: „Die Ängstlichen und die Brutalen“ im Deutschen Theater

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Könige des Mülls. Nis-Momme Stockmann lässt Christoph Franken (links) und Werner Wölbern zwischen Katzenleichen und Seniorenwindeln wühlen. Foto: Joachim Fieguth
Könige des Mülls. Nis-Momme Stockmann lässt Christoph Franken (links) und Werner Wölbern zwischen Katzenleichen und...Foto: Joachim Fieguth

Der geübte Hobbypsychologe sieht auf den ersten Blick, was mit den Gebrüdern Berg und Eirik los ist. Der Jüngere, ein optisch robuster Stoffhosen- und Pudelmützenträger (Christoph Franken), fristet sein Dasein in Wahrheit als totales Underdog-Sensibelchen mit gefährlichem Zündstoff unter der Nylon-Trainingsjacke. Beim Älteren, Eirik (Werner Wölbern), lässt dagegen schon das schwarze Hemd ahnen, dass er geradewegs aus der pragmatischen Arbeitswelt in der trostlosen Bude seines Vaters eingetroffen ist. Hier haben wir einen, der während des realkapitalistischen Entfremdungsprozesses viele grundlegende Emotionen abgedrängt hat, die in Extremsituationen jederzeit explodieren können!

Zum Beispiel jetzt, da das ungleiche Brüderpaar ratlos vor einem Wohnzimmersessel steht, auf dem die Leiche des gemeinsamen Vaters sitzt. In David Böschs Inszenierung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters handelt es sich bei dem Toten um eine schäbige Stoffpuppe mit betont widerborstigen Haupthaarresten, in deren Aftergegend Berg bald obsessiv mit einer Klobürste herumzuschrubben beginnt. Die braune Verklebung bleibt aber unverdrossen an der Vaterpuppe haften. Merke: So leicht wird man „die Scheiße“, die sich in einem ganzen Leben so angesammelt hat, nicht los! Diese Lektion erteilt uns Nis-Momme Stockmann in seinem Stück „Die Ängstlichen und die Brutalen“ mit Nachdruck.

Eigentlich ein tolles Sujet, das sich der vielfach preisgekrönte 30-Jährige, der letztes Jahr aus der Kritikerumfrage des Fachblatts „Theater heute“ als Nachwuchsdramatiker des Jahres hervorging, da vorgenommen hat: Erst nach dem Tod ihres Vaters stellen zwei Menschen fest, dass sie ihn nur sehr ausschnittsweise kannten. Und mit der Beziehung zu ihm müssen sie auch das Verhältnis zueinander noch einmal ordnen.

Stockmann lässt die alt gewordenen Jungs tonnenweise väterliche Lyrik-Ergüsse sowie benutzte Seniorenwindeln und Katzenleichen im Badezimmer finden. Jeder Bruder schlägt den anderen im Verlaufe der neunzig Kammerspiel-Minuten mindestens einmal blutig. Man erzählt sich gegenseitig Albtraumanfänge wie aus dem freudianischen Lehrbuch, um im entscheidenden Moment abzubrechen. Und kurz vor Schluss beichtet Berg schließlich auch noch den unvermeidlichen One-Night-Stand mit Katja, der Ex seines Bruders: „Nicht, weil ich sie schön finde – ich finde sie furchtbar. Sondern, um dir etwas wegzunehmen.“

Stockmann, der sich gern auch mal in dramatische Meta-Diskurse einmischt, geißelte unlängst auf der Wiesbadener Theater-Biennale die zwanghafte „Kultur des Verstehens“ und sprach sich vehement gegen das „Dogma der Erklärbarkeit aller Dinge, die Möglichkeit ihrer Verortbarkeit in eindeutigen Signifikanten und Dramaturgien“ aus. Man könnte „Die Ängstlichen und die Brutalen“, die bereits letztes Jahr im Schauspiel Frankfurt zur Uraufführung kamen, gewissermaßen als dramatisches Manifest dieser Überzeugung lesen: Die frei schwebenden und gern auch symbolschwangeren Signifikanten wehren sich in der Tat erfolgreich gegen jedwede Tiefenschärfe. Ähnlich wie Bergs Fremdgehbekenntnis bleiben sämtliche Äußerungen des Abends relativ folgenlos im Ungefähren: „Hast du Angst vor dem Tod?“ – „Nein.“ – „Ich hab ’ne Scheißangst!“ Punkt.

Es dürfte also durchaus im Sinne des Autors sein, wenn der ebenfalls noch junge Regisseur David Bösch und die beiden hochklassigen Schauspieler das Drama zwischen den Zeilen – sprich: zwischen den bisweilen recht zäh dahingleitenden Signifikanten – suchen. So recht fündig werden sie dabei nicht. Auf Patrick Bannwarts Bühne, die mit ihrer schmuddeligen Matratze und der säuberlich aufgeschütteten Mülldeponie eins zu eins so aussieht, wie man sich das beim Lesen vorgestellt hatte, mühen sich Franken und Wölbern sehr, den papierenen Figuren Leben einzuhauchen. Das ist umso nötiger, als Bösch den toten Vater, der sich in Stockmanns Textvorlage posthum immer wieder auf beschriebenen Zetteln zu Wort meldet, zugunsten der Bruder-Beziehung schnell in den Hintergrund drängt. Es will aber alles nicht so recht helfen. Er kann eben ganz schön mäandern, der Signifikant.

Nächste Vorstellungen: heute sowie am 18.4. und 3.5., 20 Uhr

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