Kultur : Brüder vor dem Herrn

POP

Philipp Lichterbeck

Das kommt dabei heraus, wenn in fast Vierzigjährigen der kleine Junge noch lebendig ist. Die beiden vermeintlichen Gebrüder Gene Ween und Dean Ween singen seit nunmehr fünfzehn Jahren von japanischen Cowboys, einäugigen Säuglingen, maritimen Weichtieren, Käsekuchen und dem Rasen der Queen. Auch ihre eigenen Johnnies machen sie immer wieder gerne zum Gegenstand der Betrachtungen. Heraus kommen dann Titel wie „Waving my dick in the wind“. Man darf das nicht mit Infantilismus verwechseln. Eher ist es die kindliche Lust an der Anarchie, am Ausprobieren und Versteckspielen.

Das Deckenlicht in der zum Bersten vollgepackten Maria war bereits eingeschaltet, die Musik vom Band lief schon. Normalerweise ein deutlicher Hinweis, nach Hause zu gehen. Doch weil niemand ging, kamen Ween wieder und spielten sich entrückt lächelnd mit einer zwölfminütigen Improvisation in die dritte Konzertstunde. Sie schienen selbst überrascht von der Begeisterung, die ihnen entgegengebracht worden war. Bis in die letzte Reihe hatte man jedes Stück der fünfköpfigen Gruppe mit ohrenbetäubendem Applaus bedacht, selbst wenn Dean Ween (alias Mickey Melchiondo) nur eines seiner eklektischen Endlossoli gespielt hatte, tief gebeugt über die auf dem Bühnenboden gedrückte Gitarre. Die Weens aus Lambertville in Pennsylvania sind nicht schön, haben weder Haarschnitte noch Kleidung, tragen seit der Geburt schlabbernde graue T-Shirts. Aber sie sind nicht nur die komischsten Vögel der Musikbranche, sondern auch die vielseitigsten. Ein Abend mit Ween hört sich zeitweilig nach Pink Floyd an, dann nach Motörhead, meistens aber nach Frank Zappa. Einer der großen Momente des Berliner Konzertjahres 2003!

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