Kultur : Brüderlein, komm swing mit mir

FREDERIK HANSSEN

Wenn du denkst du denkst, dann denkst du nur du denkst: Dromio, der Diener von Antipholus, zum Beispiel glaubt sich von bösen Geistern verfolgt.Jedes Mal, wenn er bei seinem Herrn auftaucht, bezieht er Prügel - weil er angeblich dessen Aufträge nicht erfüllt habe.Aufträge, die Dromio aber seiner Meinung nach nie erteilt wurden.Antipholus selber geht es allerdings kaum besser: ihm verweigert seine Gattin sogar den Zutritt zum eigenen Haus.Mit der Begründung, er sei ja schließlich schon da.Und daß ist er auch, zumindest dem Augenschein nach - nämlich in Gestalt seines Zwillingsbruders und Namensvetters, von dem er einst bei einem Schiffsunglück getrennt wurde.Während er in Syrakus Zuflucht fand, wuchs der totgelaubte Bruder in Ephesus auf, zusammen mit ihren Dienern, ebenfalls Zwillingen.Doch dann taucht die eine Hälfte des gemischten Doppels plötzlich auf der Suche nach ihren Pendants in Syrakus auf...

Die Idee zu der Verwechslungskomödie stammt ursprünglich von Plautus, Shakespeare hat in seiner "Comedy of Errors" durch die zusätzliche Einführung des Dienerpaars das tragikomische Potential des Verkennens und Erkennens voll ausgereizt, der Komponist Richard Rogers und sein Texter Lorenz Hart schließlich brachten das Stück 1938 unter dem Titel "The Boys from Syracuse" erfolgreich am Broadway heraus.Damals verhinderte der Musikgeschmack der Nazis den Sprung des ersten Antiken-Musicals über den großen Teich.Jetzt aber hat Peter Lund die Story von den zwei Dienern zweier Herrn für die Neuköllner Oper entdeckt - und nach Art des Hauses auf die schmale Bühne in der Karl-Marx-Straße gebracht: Als herrlich trashiges, entfesseltes Low-Budget-Sommertheater.

Ein besseres Subventions-Leistungs-Verhältnis bietet derzeit keine Berliner Bühne: Die acht fortgeschrittenen Musical-Studenten von der Hochschule der Künste, die zweieinhalb Stunden lang singend und swingend über die Szene flitzen, wurden nicht nur als Protagonisten verpflichtet, sondern gleichzeitig auch noch als Chor, Ballett und Bühnenarbeiter.Aber noch lassen sie sich gerne outsourcen, das spürt man von der ersten Szene an.Unermüdlich turnen sie über das scheinbar simple Baugerüst, das die Ausstatterin Heide Schiffer-El-Fouly ihnen auf die ansonsten kahle weiße Bühne gestellt hat, lassen die paar Eisenstangen vom Schiff zur grünen Minna, vom trauten Heim zum Knast mutieren.

Vor allem Laura Leyh und Andreas Gergen als akrobatisch-gelenkiges Diener-Duo müssen sich dabei ganz schön von ihren Chefs - und ihrer "gemeinsamen" Ehefrau Lenchen (hinreißend Heike Schmitz als schrille Kratzbürste) - herumschubsen lassen.Aber auch das doppelte Herrchen Tilmann von Blomberg und Torsten Björn Schmidt beweist erstaunliche Geschicklichkeit, wenn es darum geht, den Damen nachzuklettern.Isabella Prühs und Yvonne Bitter sehen mit ihren kuschelweichen Plüschperücken aber auch einfach unwiderstehlich aus - und reizen ihre Rollen der vernachlässigten Bürgersfrauen lustvoll bis an die Grenze der Klamotte aus.Anna-Tania Horn hält als käufliche Liebesgöttin Aphrodite um so ungenierter mit ihren Halbweltdamen-Weisheiten dagegen.

Daß die Show bei aller Überdrehtheit nie ins Komödienstadelhafte umkippt, ist dem Regisseur Peter Lund zu verdanken.Genauso rasant, wie er seine Personen durch die Handlung jagt, zappt er in den Dialogen von hemmungslosem Klamauk zu hintergründigem Wortwitz, von Original-Shakespeare im Sprachduktus des 19.Jahrhunderts zur Jugendsprache von heute.Derart beschleunigt, kann die Gagfrequenz locker mit der schauspielerischen Höchstgeschwindigkeit auf der Bühne schritthalten.Tempo, Tanz und tolle Texte: Da überhört man dann auch gerne den einen oder anderen (mikrofrei) gesungenen Ton, der noch nicht ganz perfekt zu den Noten der geschickt auf Klavier, Harfe, Schlagzeug, Vibra- und Xylophon eingedampften Band paßt.

Neuköllner Oper, bis zum 18.Juli immer Donnerstag bis Sonntag um 20 Uhr.

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