Kultur : Brünnhilde auf dem Feuerbett

Sterben an der Summe des Lebens: Johann Kresnik inszeniert in Bonn „Hannelore Kohl“

Christine Lemke-Matwey

Diese Geschichte erzählt sich (fast) von selbst: Am Abend des 4. Juli 2001 rührt sich die prominenteste Kanzlergattin der Bonner Republik einen Tabletten-Cocktail aus Morphium und Nandrolon an, trinkt das Ganze mit einem Strohhalm, geht ins Bett und stirbt. Tags darauf zeigt sich ganz Deutschland erschüttert, vom Oggersheimer Bäcker um die Ecke bis zur großen Politik. Die Frage nach dem Warum aber konnte oder wollte bis heute keiner beantworten: Warum bringt sich Hannelore Kohl mit 68 Jahren um? Weil sie die Lebensumstände, die ihr eine ominöse Lichtallergie seit über sieben Jahren aufzwang – ein Dasein buchstäblich unter Tage, in den akribisch abgedunkelten Räumen ihrer Oggersheimer „Schwermutshöhle“ –, nicht länger ertragen konnte? So kommuniziert es das Büro von „Bundeskanzler a.D. Dr. Helmut Kohl“. Weil die Spendenaffäre ihres Mannes, sein politisch-moralischer Niedergang ihre eigene Existenz in Frage stellten? Weil ein Schattenfrauenleben wie das ihre pfeilgerade in die Depression führen muss und sie sich bestenfalls mit dem immergleichen Betonlächeln dagegen zur Wehr setzen konnte, niemals selber gemeint zu sein? Hannelore Kohl, so sieht es Alice Schwarzer, sei am „Benutztwerden“ gestorben. Ein feministisches Pathos, auf das sich die Oggersheimerin wohl kaum verstanden hätte. Als Politikerfrau, gab sie 1992 einmal zu Protokoll, müsse man vor allem warten können. Sie habe da viel von ihrem Hund gelernt – denn der könne sich auch nach vier oder fünf Stunden „echten Wartens“ noch freuen.

Eine Geschichte wie fürs Theater gemacht? Der Beweis dafür steht noch aus. Weder Dea Lohers Hamburger Theaterstück nämlich noch die darauf fußende Produktion der Neuköllner Oper in der letzten Saison förderten hier wirklich Tragisches (oder auch Komisches!) zutage. Die genuin dramatische Qualität des Zerriebenwerdens zwischen immer da sein und nie stören, zwischen Selbstbehauptung und Beiseitetreten – es flüchtete sich bislang meist ins Esoterisch-Aperçuhafte. Dabei ist die Lichtmetapher überaus dankbar und auch tauglich: Die Frau, die vom Machtstrahlenkranz ihres Mannes geblendet wird, verbrennt, ja verglüht, schließlich zugrunde geht. Aber Hannelore Kohl war eben keine Lady Macbeth und keine Nora, eher eine früh gebrochene Wagner’sche Fricka oder eine jener elegisch implodierenden Figuren von Tennessee Williams. Überhaupt: ein Phänomen der Fünfzigerjahre. Die Frau als Frau an seiner Seite, als Spießgesellin und pflichtbewusste „Sonntagssekretärin“ – wer sollte sich hier eigentlich für wen Furcht, Mitleid, Katharsis wünschen?

Die andere Frage lautet: Darf Kunst das? Kann man ein authentisches zeitgenössisches Schicksal auf die Bühne bringen, ohne dass die eigene Befindlichkeit das Exemplarische kategorisch verhindert? Schon im Vorfeld der Bonner Premiere von Johann Kresniks „Hannelore Kohl“-Stück jedenfalls sah sich die örtliche Presse genötigt, erboste Leserbriefe abzudrucken. Das Ganze sei „geschmacklos“ und „Leichenfledderei“. In der Tat mutet es auf den ersten Blick pikant an, dass Kresnik, der Altmeister des aufklärerischen Zorns, der Experte in Sachen Frauensterben (Ulrike Meinhof, Rosa Luxemburg), für die Uraufführung seines neuen „choreografischen Theaters“ die Bundesstadt Bonn wählte. Aber eben nur auf den ersten Blick, denn Berlin ist hier mindestens so weit weg wie Oggersheim, und die Reminiszenzen an die Achtzigerjahre wirkten allesamt doch etwas flügellahm: Einerseits liegen sie allüberall voll im ästhetischen Bühnentrend, auch bei Mozart oder Ibsen, andererseits schreiben ein schmuddelockerfarbener Vorhang als Raumbegrenzung, ein sehr dicker Mensch in sehr großen Unterhosen oder neun wasserstoffblonde Hannelore-Kohl-Perücken (Bühne: Martin Zehetgruber, Kostüme: Heide Kastler) allein noch keine bundesrepublikanische Geschichte.

Und auch die zweite Befürchtung erweist sich bald als grundlos: Denn Kresnik, der Krawallmacher, Kresnik, bei dem es im Sinne eines kritischen Orgien- und Mysterientheaters ohne größeren Aushub an tierischen und/oder menschlichen Exkrementen selten abgeht, er mäßigt sich. Gewiss, es fließt an diesem knapp anderthalbstündigen Abend schon mal Blut, es wird vergewaltigt und geschossen und herumgesudelt, und wenn der mit Abstand fetteste der zehn Bühnen-Helmuts (sehr nobel: Hans-Jürgen Moll) mit Karnevalshütchen auf der Birne und von schwarzen DM-Stempeln übersät die Hosen runterlässt und eine seiner neun Bühnen-Hannelores ihm daraufhin direkt ins Faltenreich seines Allerwertesten starrt, dann ist das gewiss kein Bild für die Junge Union. Aber es ist auch kein Bild, bei dem man sich bloß hämisch auf die Schenkel schlägt. Denn fast immer schafft es Kresnik – und das ist das Ereignis, das macht das Bonner Publikum bei allem Misstrauen, aller wachsenden Betroffenheit am Ende einhellig jubeln –, die Grenze zu wahren und zu respektieren, den schmalen Grat zwischen grell-wütiger Groteske und anrührend clowneskem Trauerspiel. Die vielen Hannelores und Helmuts, die Wolfgangs (Schäuble) und Walters und Peters (Kohl), die Juliane Webers und Ulrike Meinhofs (ein kleiner politischer Gegenentwurf am Rande), sie alle haben etwas Unantastbares, eine körpersprachliche Würde – ganz gleich, ob die junge Hannelore nun von ihrem Nazi-Vater als Marionette missbraucht wird oder ob sie ihre beiden Söhne später an riesigen Nuckelflaschen wie Romulus und Remus säugt. In einer geradezu ätzenden Rasanz überschlagen sich die 22 Szenen dieses Bilderbogens (Libretto: Uschi Otten), und auch die Musik weiß zwischen Schlager und Wagner auf virtuose Weise oftmals nicht ein noch aus (Serge Weber).

Es ist die Summe des Lebens, sagt Kresnik, die diesen Tod verschuldet hat. Und also bildet der Selbstmord nur den Rahmen. Die unzähligen Plastikbecher mit Strohhalmen drin, die sich zu Anfang stapeln; der Schock eines echten Scherbengerichts aus dem Schnürboden, das gleißende Scheinwerferlicht, das sich unversehens in die eigenen Augen bohrt. Zum Schluss kriecht Hannelore in den Bauch jenes Flügels, der dem ganzen Abend Leitmotiv war: Ausdruck des Erhabenen wie des Spießigen, des Unheimlichen wie des Gemütlichen. Flammen züngeln empor. Brünnhilde auf dem Feuerbett. Ein sehr deutsches Schicksal.

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