Brüssel, Paris und der Terror : Wir müssen um den öffentlichen Raum kämpfen

Anschläge, Kundgebungen, Flüchtlinge in Warteschlangen: Die Wahrnehmung des öffentlichen Raumes hat sich verändert. Es lohnt sich um ihn zu kämpfen - jetzt auch wieder nach Brüssel. Ein Essay.

von
Der öffentliche Raum, auch ein Ort der Solidarität: Dienstagabend am Börsenplatz in Brüssel.
Der öffentliche Raum, auch ein Ort der Solidarität: Dienstagabend am Börsenplatz in Brüssel.Foto: dpa/Christophe Petit Tesson

Dieser Essay erschien auf unseren Jahresrückblick-Seiten Ende 2015 im Tagesspiegel. Die Anschläge von Brüssel machen den beschriebenen Alptraum des wahllosen Tötens an öffentlichen Orten wie einem Flughafen oder in der U-Bahn erneut wahr und verleihen den Überlegungen zur Gefährdung des öffentlichen Raums eine traurige, neue Aktualität.

Es ist der Alptraum schlechthin, für Politiker und Organisatoren, Veranstalter und Besucher: dass dort, wo sich besonders viele Menschen versammeln, im Fußballstadion, am Flughafen, am Bahnhof, in der Konzerthalle, ein Anschlag verübt wird. Der Alptraum ist dieses Jahr wahr geworden, am 13. November, dem schwarzen Freitag in Paris. Wahllos schossen die IS-Attentäter in die Menge; das Fußballstadion blieb zwar verschont, aber sie töteten Rockkonzertbesucher, Kneipen- und Restaurantgäste.

Die Bedrohung des öffentlichen Raums ist nicht neu. Seit 9/11, seit den Terroranschlägen auf U-Bahnen und Züge in London und Madrid, auf Badehotels und Touristenstrände in Ägypten und Tunesien, ist schmerzlich ins Bewusstsein gerückt, wie gefährdet er sein kann. Und wie sehr der Terror von Al Qaida bis IS darauf zielt, die Demokratie eben hier zu verletzen, in ihrem Kern: beim Grundrecht auf Bewegungs- und Versammlungsfreiheit.

Bangemachen gilt?

Neuerdings muss das Grundrecht manchmal eingeschränkt werden, auch im demokratischen Westen. In Brüssel, dem Herkunftsort einiger Täter vom 13. November, blieben die Metro, Schulen und Universitäten tagelang geschlossen. Meiden Sie größere Versammlungen, Flughäfen, Bahnhöfe, Nahverkehr, so die Regeln der höchsten Terrorwarnstufe. In Hannover musste ein Länderspiel kurz vor dem Anpfiff abgesagt werden – und eine Lesung von Helge Schneider. In Frankreich gilt der Ausnahmezustand, drei Monate lang.

Bangemachen gilt? Die Furcht, öffentlich aufzutreten und ein großes Publikum zu versammeln, nimmt jedenfalls zu: Nach dem schwarzen Freitag im November wurden glamouröse Filmpremieren auf einen bescheideneren Rahmen heruntergedimmt oder ganz gestrichen, Prince cancelte seine Europatournee. Im Januar, nach den Attentaten auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt in Paris, war in Belgien wegen Bombendrohungen ein komplettes Filmfestival abgesagt worden. Wegen zwei Produktionen, die vom internationalen Terror handeln, hatte es Bombendrohungen gegeben.

Viele trotzen dem Kalkül mit der Angst

Andere reagieren offensiv und trotzen dem Kalkül mit der Angst. Einen Tag nach dem 13. November trat Madonna in Stockholm auf und fragte in einer bewegenden Rede: „Warum sollte ich ihnen erlauben, mich und uns davon abzuhalten, die Freiheit zu genießen?“ Im Dezember gab die Queen of Pop auf ihrer „Rebel Heart“-Tournee auch in Paris ein Konzert und sang ein paar Zugaben am der Place de la République.

"Je suis Charlie" hieß es im Januar 2015 bei einer Kundgebung gegen Terror, Rassismus und Ausgrenzung.
"Je suis Charlie" hieß es im Januar 2015 bei einer Kundgebung gegen Terror, Rassismus und Ausgrenzung.Foto: dpa

Plätze gehören allen. Wo einst die Untertanen den Herrschern huldigten, wo Pranger und Galgen standen, wo bis heute auf dem Markt Handel betrieben und an Silvester das Feuerwerk bejubelt wird, manifestiert sich der Geist einer Gesellschaft, sein Machtgefüge, seine Offenheit. Hier feiern, demonstrieren, versammeln sich die Bürger.

Nähe suchen, man tut es auf dem Platz

Der 33 000 Quadratmeter große Platz der Republik mit dem Mariannen-Monument als Freiheitssymbol in der Mitte ist der größte Platz von Paris. Wer trauert, Solidarität bekunden oder auch einfach nur mit seiner Furcht und seiner Empörung nicht alleine sein will, trifft sich dort mit Gleichgesinnten. Nähe suchen, man tut es auf dem Platz. Schon die Solidaritäts-Demo nach dem Attentat auf „Charlie Hebdo“ mit eineinhalb Millionen Menschen und mehreren Dutzend Staatschefs endete auf der Place de la République. Eine gewaltige Gemeinschaftsaktion zur Verteidigung demokratischer Werte.

0 Kommentare

Neuester Kommentar