Kultur : Brüsseler Spitze

Kulturhauptstadt 2010: Görlitz oder Essen?

Frederik Hanssen

Sie haben dreißig Minuten, um zu überzeugen. Mehr Zeit räumt die siebenköpfige Jury den beiden deutschen Bewerbern um den Titel der europäischen Kulturhauptstadt 2010 nicht ein, wenn sie heute in Brüssel ihre Projekte präsentieren. Die Teams aus Görlitz und Essen müssen also schnell auf den Punkt kommen – und schnell soll auch die Entscheidung fallen: Ende März, spätestens Anfang April steht fest, wer in vier Jahren neben dem ungarischen Pecs die kulturelle Kapitale Europas sein wird.

Den meisten Bundesbürgern wird es jedoch egal sein, wen die Brüsseler Gutachter zum deutschen Sieger küren. Denn das 1985 von Melina Mercouri initiierte Projekt Kulturhauptstadt hat mittlerweile einen miesen Ruf. Was hat man bisher etwa vom aktuellen Titelträger gehört? Im griechischen Patras trat zum Start der künstlerische Leiter zurück! Wer erinnert sich noch daran, dass 2005 die irische Stadt Cork an der Reihe war? Überhaupt: Ob 2010 Görlitz mit seinem polnischen Nachbarn Zgorzelec antritt oder gleich das ganze Ruhrgebiet mit Essen als Vorstandssprecher – was haben wir davon? Ein Medienecho wie zur WM wohl kaum.

Aber um den internationalen Werbeeffekt geht es bei der Kulturhauptstadt schon lange nicht mehr. Im Billigfliegerzeitalter spielt der Bekanntheitsgrad des Ziels kaum noch eine Rolle – wenn nur der Preis stimmt. Nein, im 21. Jahrhundert kommt der Titel in erster Linie den Bewohnern zugute: weil er vor Ort vielfältige development- und education-Programme anstößt. Dass es dafür im Deutschen keine Equivalente gibt, erklärt, warum die EU-Idee hierzulande so wenig verstanden wird. Dabei vollzieht sich im Ruhrpott oder an den Grenzen gen Osten ein schmerzhafter Umbau. Ein Kulturhauptstadtjahr wirkt hier wie ein Herzschrittmacher, ermöglicht etwa eine Stadtplanung, die nicht nur Baulücken schließt. Plötzlich erfahren die Bürger Kreativität im Umgang mit ihrer urbanen Umgebung. Das Ergebnis, im Idealfall: Schönheit, die von innen kommt.

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