Kultur : Brunnenträume

Im Kino: Marcos Carnevales Kömodie „Elsa & Fred“

Hans-Jörg Rother

Ein halbes Leben lang hat Elsa davon geträumt, im römischen Trevi-Brunnen zu baden wie einst Anita Ekberg in Fellinis „La dolce vita“. Dass dieser Film als bitter-traurige Kritik an der italienischen High Society gemeint war, scheint sie übersehen zu haben. Wann und wie mag die 82-jährige Spanierin, die ihr Alter gern herunterlügt, Fellinis 1960 entstandenes Meisterwerk überhaupt gesehen haben? Kaum vor Francos Tod im Jahr 1975. Sollte sie erst als Rentnerin beim Anblick der verführerischen Ekberg und des zögernden Mastroianni von erotischem Kribbeln befallen worden sein? Mit derlei Unstimmigkeiten hält sich der argentinische Regisseur Marcos Carnevale nicht auf, zumal er behauptet, mit Fellini korrespondiert zu haben.

Elsa, die gut gestellte Pensionärin ist eine rechte Draufgängerin. Kaum hat die vitale Dame durch den Patio des Appartementhauses den frisch eingezogenen Witwer Fred erspäht, steht ihr Eroberungsplan fest. Mit List und Tücke gelingt es ihr, binnen weniger Tage in sein Bett zu steigen. Und schon lässt, zum Entsetzen seiner Tochter, der bislang schüchterne Mann alle Hemmungen fallen und spendiert obendrein die Reise nach Rom.

Eine solche Komödie, bühnentauglich etwa für das Theater am Kurfürstendamm, zielt auf das ältere Publikum. In letzter Zeit gab es wenige Filme, die das Alter mit warmer Abendsonne übergießen. Abgesehen vom Fellini-Missverständnis gibt „Elsa & Fred“ dem Lustspiel, was des Lustspiels ist: eine Menge Situationswitz und zwei glänzend vorm Partner und vor sich selbst schwindelnde Charaktere. Die Argentinerin China Zorilla und der Spanier Manuel Alexandre füllen die Hauptrollen mit jener liebenswerten Unglaubwürdigkeit, die das Publikum für einen unterhaltsamen Kinoabend gern hinnimmt.

Nur dem Regisseur hätte man etwas intelligentere Einfälle als die Schuss-Gegenschuss-Montage gewünscht. Und einen Filmkomponisten, der wenigstens versucht hätte, sich an der Leichtigkeit Nino Rotas zu orientieren, statt die Gefühle breitbrüstig zu untermalen. So trennen sich die Wege: Fellini umspült die Illusion mit Wahrheit, Carnevale lässt die Lebenswahrheit hinter der Illusion verschwinden.

Babylon Mitte, Broadway, Cinemaxx Potsdamer Platz, Filmkunst 66, Kulturbrauerei, Passage

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