Bruno Ganz : "Kinder haben noch immer Hunger auf Märchen"

Im Interview spricht der Hitler-Darsteller Bruno Ganz über seinen neuen Film "Vitus", in dem er eine neue Seite als schrulliger und einfühlsamer Großvater zeigt. Der Film ist sogar für den Oscar im Gespräch.

Bonn - Mit Adolf Hitler in Oliver Hirschbiegels Kinodrama "Der Untergang" hat der Schweizer Schauspieler Bruno Ganz eine seiner schwierigsten und spektakulärsten Rollen gemeistert. Im Kontrast dazu verkörpert er in dem Kinofilm seines Landsmanns Fredi M. Murer nun einen schrulligen Großvater, der seinem hoch begabten Enkel mit viel Verständnis hilft, seinen Platz im Leben zu finden. Seine Leistung hat dazu beigetragen, dass die Schweiz den Film "Vitus", der am Donnerstag in den deutschen Kinos anläuft, für den Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film vorgeschlagen hat.

Glauben Sie, dass Märchen heute noch ihre Berechtigung haben?

Ja. Vielleicht für uns Erwachsene nicht mehr, aber für uns waren Märchen ja auch nie wirklich gemacht. Aber bei Kindern gibt es nach wie vor einen unglaublichen Hunger nach diesen Sachen. Die Art, wie der Schrecken vorkommt, das scheint doch etwas so Elementares zu sein. Ich wüsste nicht, wo sonst so etwas für ein Kind auftreten würde. Natürlich gibt es manigfache Formen, die man auf Videos oder DVDs sehen kann, aber in der ursprünglichen Form als Literatur oder als erzählte Geschichte wirken Märchen noch immer.

Wie war die Zusammenarbeit mit den beiden Kinderdarstellern der Hauptfigur Vitus?

Der große Unterschied zum Drehen mit Erwachsenen liegt darin, dass man Kindern nicht mit so einem Druck kommen kann. Es hat keinen Sinn, einen sechsjährigen Darsteller wie den Fabrizio daran zu erinnern, dass er einen Vertrag hat. Da muss man andere Wege finden. Beim zwölfjährigen Teo war das Problem, dass er wahnsinnig intelligent ist. Er ist sehr in einer eigenen Welt, entsprechend seiner Begabung, und hat dann Ausrutscher in die Kindlichkeit, das ist charmant. Das versteht man auch. Gott sei Dank hat er auch Interesse an Fußball, das macht ihn handhabbarer.

Was hat Sie denn an dieser Rolle gereizt?

In gewisser Weise hat mich dieser Großvater sehr an meinen Vater erinnert, also die Bastlerseite. Und auch dieser Traum vom Fliegen. Mein Vater war zwar nicht vom Fliegen fasziniert, aber dafür irgendwie von Zahnrädern. Aber mehr noch hat mich komischerweise das Zentrum des Films, die Geschichte des Jungen, interessiert. Das war es mir wert. Dazu kamen einfach die lokalen Verhältnisse. Der Regisseur und ich leben in der gleichen Stadt, das Land ist klein, wir sind zwei bekannte Leute. Wir haben aber noch nie zusammen an einem Film gearbeitet. Das war ein starker Grund.

"Vitus" ist von der Schweiz für den Oscar vorgeschlagen worden. Wie sehen Sie die Chancen?

Ich war mit dem "Untergang" für Deutschland ja neulich bei der Oscar-Verleihung. Das war schon mal okay. Ich gehe auch für die Schweiz gern da hinüber. Man sollte aber bedenken, dass die ausländischen Filme in Los Angeles nicht so viel bedeuten. Entscheidend sind andere Sachen. Zentral ist, welcher amerikanische Film gewinnt, welche Schauspieler, welcher Regisseur, darum geht es.

Wie haben Sie die Oscar-Verleihung erlebt?

Es ist schon schön, diese vier Stunden da gesessen zu haben und nachher bei diesen Dinners herumzuhängen und die Leute einfach zu beobachten. Das ist wirklich gut. Aber sonst? Für mich wäre es interessanter, einmal nominiert zu werden als Nebendarsteller. Oder im Zentrum zu stehen im Rennen um einen Oscar für mich als Darsteller. Das wäre auch das, was ich bei meiner Hitler-Darstellung gerne bekommen hätte, klar.

Was spielen Sie als nächstes?

Das hängt ganz von den Angeboten ab. So lange ich nicht selber die Skripts schreibe, kann ich das nur lenken, indem ich bestimmte Sachen annehme oder ablehne. Aber das nächste, was auf den Markt kommt, ist der Film "Youth without Youth" von Francis Ford Coppola. Da spiele ich einen rumänischen Arzt und Chef eines Krankenhauses. (Die Fragen stellte Reinhard Kleber, ddp)

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